Dienstag, 2. Februar 2010

Die physikalischen und physiologischen Grundlagen des Schwertkampfes

Leider beobachte ich immer wieder, auch bei sogenannten "Meistern", dass die Körperhaltung und Kontrolle beim Schneiden sehr armselig sind. Im Kyudo ist das erste was der Anfänger lernt (und auch beim europäischen Bogenschiessen ist dies so), dass es drei Kreuze im Körper gibt, die im Gleichgewicht stehen müssen. Beim Schwert ist es speziell die Festigkeit im Becken (Tanden). Leider sehe ich auf sehr, sehr vielen YouTube Videos Menschen, die beim Schneiden mehr der Klinge folgen als die Klinge zu beherrschen. Da wird der Oberkörper abgedreht und abgeknickt, da ist das Becken butterweich und Sayabiki wird völlig vernachlässigt, genauso wie das Prinzip "Kraft-Gegenkraft".
Zum einen glaube ich, dass dies oft auf das Fehlen einer ausdauernden und sythematischen klassischen Ausbildung wie u.a. beim klassischen Fechten, Kendo oder Iaido zurück zu führen ist (wobei die Kendoka oft das Schneiden an sich vernachlässigen) zum anderen hapert es oft auch an guten Lehrern die in der Lage sind genau dieses Wissen so zu transportieren (so sie es selbst verinnerlicht haben), dass die Schüler es verinnerlichen. Einer meiner Trainingspartner nannte diese Art des Trainings einmal "Schwellendidaktik". In dem Moment wo der Lehrer die Schwelle zum Unterrichtsraum überschreitet macht er sich Gedanken darüber was er heute lehren will. Ich bin der Meinung, dass ein guter Lehrer für jeden seiner Schüler eine Karteikarte führen sollte auf der die Stärken, Schwächen, Probleme und Fortschritte genauso vermerkt sind wie Übungen die er wann bereits gemacht hat. Nur so ist eine wirkliche Weiterentwicklung möglich.

Bisher habe ich nur ein Buch auf dem Markt entdeckt in dem die physikalischen und physiologischen Grundlagen des Schwertkampfes wirklich sachkundig und verständlich erklärt werden:

Mittelalterliche Kampfesweisen 1: Das Lange Schwert. Talhoffers Fechtbuch Anno Domini 1467. (Gebundene Ausgabe). André Schulze (2006); Verlag Philipp von Zabern, ISBN-10: 3805336527; ISBN-13: 978-3805336529; EUR 49,90


Folgendes Zitat aus dem o.g. Buch (Seiten: 182 - 184) mag verdeutlichen was beim Schwertkampf im und mit dem Körper passiert. Ich empfehle dieses und die anderen Bände dieser Reihe ausdrücklich!

Die Griffhaltung am Schwert:
In der Grundhaltung umfasst bei Rechtshändern die rechte Hand den Schwertgriff weit vorne in der Nähe der Parierstange.
Fest umschließt der kleine Finger das Gehiltz, locker der Zeigefinger und Daumen entweder Gehiltz oder Parierstange, je nach Taktik und Technik.
So unterstützt zum Beispiel bei dem Krump- oder Zwerchhau der Daumen über die Parierstange hinaus die Schwertführung an der bei Rapieren sogenannten Quartseite. Die linke Hand umfasst den hinteren Teil des Griffes nahe am Knauf oder auch eben diesen.
Bei starken Techniken ist der Griff sehr stark. Bei Techniken, in denen es um schnelle Schwertführung geht, ist dieser sehr weich - Daumen und Zeigefinger übernehmen dann die Führung.
Grundsätzlich kann man zu allen Kampfkünsten die folgenden sieben biomechanischen Prinzipien anführen:

1. Kinetion und Modulation
Die großen Muskelgruppen im Bein-Hüftbereich dienen dem Antrieb (Kinetion), während die weniger kräftige Muskulatur des Schulter-Arm-Hand-Bereichs für die Aussteuerung (Modulation) verantwortlich ist.
2. Optimaler Beschleunigungsweg
Die maximale Endgeschwindigkeit wird durch die optimale Länge und Form des Beschleunigungsweges erreicht.
3. Maximale Anfangskraft
Bewegungen mit Ausholbewegungen verlängern den Beschleunigungsweg und vergrößern die Anfangskraft. Ein langvorgedehnter Muskel und ein optimaler Arbeitswinkel erhöhen die maximale Anfangskraft. Je weiter also die Waffe ausgeholt wird, umso stärker ist der Schlag oder der Stich.
4. Koordination der Teilimpulse
Zeitliche Koordination: die Einzelgeschwindigkeiten der beteiligten Körperteile erreichen zum gleichen Zeitpunkt ihr Maximum oder sie reihen sich ohne Pause aneinander. Beim Oberhau in der Grundübung arretieren also nacheinander zunächst die unteren Extremitäten, dann die Hüfte, der Schultergürtel und die oberen Extremitäten mit der entsprechenden Waffe zum Schluss. Je schneller geschlagen wird, desto schneller erfolgt die Arretierung in dieser Abfolge. Im Kampf kann allerdings, um schneller am Ziel zu sein, die Waffe dem Körper voraus gehen.
Räumliche Koordination: die Geschwindigkeitsvektoren der Schwerpunkte aller an der Bewegung beteiligten Körperteile weisen in die gleiche Richtung, auf das Ziel Möglichst alle Gelenke und Extremitäten konzentrieren sich auf den Auftreffpunkt am Gegner. Die übrigen dienen der Gegenarretierung, um der Technik die notwendige Stabilität zu verleihen, zeigen aber dann auch möglichst in Richtung Ziel. Zum Beispiel das linke Hüftgelenk beim Oberhau.
5. Drehung und Gegendrehung (Gegenwirkung)
Zweckmäßigste Umsetzung des dritten Newton'schen Axioms (actio gegengleich reactio).
  • ohne Bodenkontakt: als Folge von Teilbewegungen einzelner Körperteile entstehen Gegenbewegungen anderer Körperteile infolge des Drehrückstoßes.
  • mit Bodenkontakt: eine zweckmäßige Verwringung von Schulter- und Hüftachse bzw. von Becken und Oberkörper führt zu einer gewünschten Verlängerung des Beschleunigungsweges.
Bei unserem Beispiel, dem Oberhau, verläuft also die Kraftrichtung der rechten Körperhälfte in Richtung Ziel, die linke arretiert dagegen, um, wie schon oben beschrieben, den Körper und die Technik zu stabilisieren.
6. Drehrückstoß (Drehimpulserhaltung)
Auf Grund unterschiedlich großer Trägheitsmomente (Rumpf groß, Arme/Beine klein), kann auch hier das dritte Newton'sche Axiom angewandt werden. Gegenbewegungen in Form von Kreis-Drehbewegungen der Arme/Beine wirken auf den Rumpf, auch wenn kein Bodenkontakt besteht.
Auch bei Sprungattacken muss sich stabilisiert werden, damit eine Technik zielorientiert ist und der Kämpfer nicht aus dem Gleichgewicht kommt und somit nach dem Sprung stürzt.
7. ImpulserhaItung (Drehimpulserhaltung)
Das Trägheitsmoment (Masse = Abstand 2) eines rotierenden Körpers hängt vom Abstand seiner Masse von der Drehachse ab. Wird der Abstand verringert, verkleinert sich das Trägheitsmoment (und damit auch das Drehmoment). Da der Gesamtdrehimpuls (Trägheitsmoment x Winkelgeschwindigkeit) des Systems jedoch erhalten bleibt, wird die Winkelgeschwindigkeit (Rotationsgeschwindigkeit) erhöht – das heißt, die Geschwindigkeit des Schwertes, in unserem Beispiel der Oberhau. Wichtig ist ebenfalls die sich aus dem ergebenden Abstand zur Drehachse ergebende Bahngeschwindigkeit. Das Heißt, je länger die Waffe ist, umso schneller ist ihr Ende bei gleicher  Winkelgeschwindigkeit.
Die Winkelgeschwindigkeit des Sekundenzeigers einer Uhr ist 360º/60s, seine Geschwindigkeit beträgt also 6 Grad pro Sekunde, beziehungsweise 360 Grad pro Minute.
Die Bahngeschwindigkeit des Endpunktes des Sekundenzeigers ist deutlich höher als ein Punkt in der Nähe der Achse. Unser Schwert ist also am Ort deutlich schneller, was die Bahngeschwindigkeit betrifft, als an der Stärke.

Für die Schwertfechtkunst bedeutet dies:
Der Antrieb des Schwertkämpfers und die Kraft, mit der er das Schwert führt, entstehen primär aus der Hüfte und dem damit verbundenen Muskelsystem. Dazu gehören vor allem die Beckenboden-, Rumpf- und Gesäß- und die Beinmuskulatur.
Die etwas schwächere Muskulatur des Schultergürtels setzt diese fort in die noch weniger starke Arm- und Handmuskulatur, dieses Kombinat ist dann letztendlich für die Modulation bzw. Feinausrichtung der Schwerttechnik verantwortlich.
Zunächst wird also die starke Muskulatur aktiviert, dann die schwächere bis hin zu den Fingern.
Nach dieser Aneinanderreihung, ähnlich einem Peitschen schlag, erreichen die entsprechenden Körperteile zum gleichen Zeitpunkt ihr Maximum an Potential, so dass zum Zeitpunkt des Auftreffens des Schwertes optimale Durchschlagskraft entwickelt wird.
Die kleinere, leichtere und weniger starke Armmuskulatur holt also die große Bein- und Rumpfmuskulatur ein.
Die Ausführung der gesamten Schwerttechnik geschieht allerdings in wenigen Zehntelsekunden, so dass der Eindruck entsteht, die gesamte Aktion geschehe gleichzeitig.
Je größer die Ausholbewegung, umso länger der Beschleunigungsweg und die Durchschlagskraft des Schwertes.
Die Geschwindigkeitsvektoren der Schwerpunkte aller an der Bewegung beteiligten Körperteile weisen in dieselbe Richtung, zum Ziel.
Das gilt im Übrigen für alle Sportarten, die große, anspruchsvolle Bewegungsmotorik beinhalten, wie z. B: alle Laufsportarten, Tennis, Tanzen, Ballsportarten und in den Kampfkünsten usw.
Damit die Rumpfmuskulatur ihre Kraft in den Schultergürtel übertragen kann, werden die Füße etwa Schulterbreit gestellt, was zusätzliche Stabilität verleiht.
Der vordere Fuß zeigt nach vorne, um die Basis für die kinetische Energie zu geben. Fuß-, Knie- und Hüftgelenk stehen so in einer senkrechten Linie zueinander.
Die korrekte Körperarbeit an den Achsen dieser drei Gelenke verhindert außerdem einen zu schnellen Verschleiß der Kniegelenke.
Der hintere Fuß zeigt ca. 30 - 40 Grad nach vorne, um sich so bestmöglich abzudrücken und schnell nach vorne zu agieren. Das vordere Knie wird etwas nach außen gedrückt, um so der Hüfte Spielraum zu geben und das Kniegelenk zu schonen.
Auch das hintere Knie ist etwas gebeugt und nach außen gedrückt, um die Sprungkraft zu übertragen und seitliche bzw. ausweichende Schritte zurück gut möglich zu machen, welche sich bei durchgedrückten Beinen schlechter ergeben. Die Kniegelenke können dadurch die aufgebaute Spannkraft nicht an den Körper weitergeben.
Manchmal sieht man auch Darstellungen mit 90 Grad abgewinkeltem Fuß. Das Abdrücken auf der Innenkante des Fußes ist jedoch nicht so kraftvoll, schließlich gehen und rennen wir ja auch mit den Füßen, und nicht auf der Fußkante.
Bei einem ultimativen Schlag (es muss sicher sein, dass dieser den Gegner außer Gefecht setzt), ist die Endstellung tief, der hintere Fuß zeigt sogar nach hinten (z. B. um maximale Länge zu bekommen). Folgeangriffe sind hier kaum möglich, da es sehr schwer ist, sich aus dieser Stellung wieder heraus zu bewegen. Siehe Abb.: Der Oberhau)
Bei Grundübungen ist es wichtig, zuerst in einen guten Stand zu kommen, und dann die Schwerttechnik zu vollenden. Damit erarbeitet sich der Übende die korrekte Schwerttechnik und vermeidet Unge-nauigkeiten und unsicheren Stand.
Bei Gefechtsangriffen geht das Schwert oft dem Stand voraus. Dies sollte erst geübt werden, wenn Ersteres vervollkommnet ist.
Der Oberkörper ist etwas nach vorne gelehnt, zum einen um eine Vorwärtsbewegung zu erleichtern, zum anderen schützt diese Haltung die Lendenwirbelsäule - da sie ein Hohlkreuz vermeidet. Besonders wichtig ist dies in der Ausholphase (Siehe Bild 2, dem Übergang von der Aushol- zur Schlagphase) zu beachten, da die folgende Schlagphase die Kraft auf die Wirbelsäule potenziert. Das Gewicht ist etwa zu zwei Dritteln vorne. Dies kann entsprechend verändert werden, z. B. bei reinen Verteidigungsstellungen. Es kommt auf die Absicht an, die der Kämpfer verfolgt.
Bei den Körperverschiebungen wird kraftvoll mit beiden Füßen abgestoßen (auch hier hilft einmal mehr die kraftvolle Muskelarbeit aus der Hüfte), der hintere Fuß gleitet in einem Bogen dicht an dem vorderen vorbei und setzt zur Stabilisation und optimalen Kraftübertragung etwa schulterbreit wieder auf.
Die anschließende Arretierung des Körpers in Form einer kleinen Gegendrehung dient neben der Stabilisation dazu, den Angriffsvektor zu maximieren.
Etwa wie beim Laufen: rechte Hüftseite schiebt sich vor, rechte Schulter zurück, linke dagegen wieder vor.
Die mechanische Grundlage des Prinzips der Gegendrehung ist das erste (Galilei'sche Axiom) und dritte (Huygens'sche Axiom) Newton'sche Axiom, die besagen, dass
  1. die kräftefreie Bewegung eine gerade Linie zeichnen muss, und
  2. die Geschwindigkeit mit den Eigenschaften des Körpers selbst gewichtet werden muss; Schwerttechnik und Lauftechnik sind da ähnlich, ein Fuß drückt sich ab, um den anderen - durch die Kraftumsetzung der Hüfte - beim Vorwärtskommen zu beschleunigen; Hüfte und Schultern rotieren, um der Bewegung Stabilisation und Dynamik zu geben.
Wird im Körper also ein Drehimpuls bzw. eine actio entwickelt, bedarf es des entsprechenden entgegengesetzten Drehimpulses bzw. einer reactio - Drehmoment und entgegengesetztes Drehmoment müssen sich die Waage halten.
Bei der Bildabfolge des Oberhaus bildet die linke Körperseite die reactio, indem sie ihre kinetische Energie an die rechte weitergibt (actio), die die Energie in das Schwert weiterleitet.
Die entsprechende »Verwringung« (Verschraubung) von Schulter- und Hüftachse bzw. Becken und Oberkörper führt zu der gewünschten Verlängerung des Beschleunigungsweges in minimaler Zeit, um, zusammen mit dem oben beschriebenen »Peitscheneffekt«, die maximale Kraft in das Schwert zu leiten.
Bei den Grundübungen wird versucht, das Optimum der natürlichen kinesiologischen Abläufe zu erreichen sowie maximalen Lernerfolg zu erzielen.
Der kinästhetische Analysator empfängt Reafferenz der Ausführung einer Technik durch seine Propriorezeptoren in den Muskelspindeln, Sehnen und Gelenken.
Umso größer, langsamer und exakter eine Technik ausgeführt wird, desto effizienter ist der Lernerfolg. Den Kampf muss der Streiter überleben und so die biomechanischen, wie auch taktischen Prinzipien entsprechend der Gefechtssituation anwenden; z. B. kleinere oder größere, schmalere Schritte, meist kurzes Ausholen oder doch aus dem Handgelenk schlagen.
Ergo, je nach Absicht: Manchmal ist es eben besser, schmal zu stehen oder das Gewicht hinten zu haben.
Wichtig: Bei jeder (!) Technik die Bauchmuskeln anspannen, um die Kraft über Oberkörper und Arme bis in das Schwert zu übertragen und die Lendenwirbelsäule zu stabilisieren und zu entlasten.
In Bezug auf die Anatomie, den damit verbundenen Kraftübertragungen zum Schwert, zu der Wirbelsäule und allgemein zu den Gelenken werden oft Fehler gemacht.
Wenn die Wucht eines Schlages falsch ausgerichtet ist, kann der Übende auf die Dauer erheblichen Schaden an seiner Gesundheit nehmen.
Deswegen sollte auf keinen Fall versucht werden, sich die Schwertkunst selbst beizubringen, sondern nur durch entsprechend ausgebildete Fachkräfte.

Aus rechtlichen Gründen ist es mir leider nicht möglich die Bilder zu veröffentlichen auf die im Text Bezug genommen wird. Aber dazu ist ja auch das Buch da. Die Fachausdrücke aus der historischen europäischen Fechtkunst werden ebenfalls im Buch erklärt.

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