Donnerstag, 18. Februar 2010

Kamae 構え

Die Kamae wird allgemein als die Grundhaltung oder Ausgangsstellung des Kämpfers bezeichnet. Die Kamae setzt sich aus der äußeren und der inneren Haltung zusammen und ist dabei auf die Eigenarten der jeweiligen Kampfkunst angepasst. Oft gilt aber, dass man in dieser Haltung auf einen Angriff reagieren kann, aber auch aus dieser Haltung Angreifen kann.
In ihren alten Formen weisen die Kamae oft bemerkenswerte Lücken auf. Stellen an der Schulter, dem Oberkörper oder den Händen, in denen die Waffe gehalten wird, scheinen Gefahren geradezu heraufzubeschwören. Wenn man diese Haltungen betrachtet, mag man denken, dass die Krieger recht selbstmörderisch gewesen sein müssen und nur darauf aus, erschlagen zu werden. In gewisser Weise laden die Kamae der alten Schulen (Koryu) den Gegner tatsächlich zum Angriff ein. Sie sind Köder, tödliche Fallen. Die Lücken in den Haltungen der alten Schulen sind nämlich keine Strategiefehler, sondern wohlüberlegte Bestandteile der Strategie. Die Kamae führen zu voraussehbaren Angriffen des Gegners, die der erfahrene Kämpfer kontrollieren kann. Wenn er ein bestimmtes Ziel anbietet, weiß er, aus welchen Richtungen Angriffe kommen können. Daraus zieht er seinen Vorteil
Diese Erkenntnis ist in fast allen Kampfkünsten verbreitet. Auch in den Huten der klassischen Europäischen Fecht- und Schwertkampfkünste findet sich diese Strategie wieder. Die Hut (auch Lager oder Leger) ist eine Grund- bzw. Ausgangsstellung im europäischen Fechten.


Die Relevanz der richtigen Huten und dem entsprechenden Bruch gegen diese sieht man allein dadurch, dass dem "Brechen" der Huten viel Aufmerksamkeit in den historischen Manuskripten beigemessen wird. Auch wenn sie in diesen Manuskripten nicht als einzelne Kapitel erscheinen, so sind sie dennoch ein Bestandteil sehr vieler beschriebener Techniken. Unter dem Brechen einer Hut versteht man, dass man den Gegner dazu veranlasst die Grundstellung zu verlassen. Allgemein gelten folgende Regeln:

Hut Ochs - Bruch durch Krumphau
Hut vom Tag - Bruch durch Zwerchhau
Hut Pflug - Bruch durch Schielhau
Hut Alber - Bruch durch Scheitelhau


„Der erst haw ist der Krumphaw. Der bricht die hut des ochsen.
Der ander ist der zwerhaw. Der bricht die hutt vom tage.
Der dritt ist der schyllhaw. Der bricht die hut deß pflugs.
Der vierdt ist der schaittler. Der bricht die hut alber.“

Die Huten wie auch die Kamae dürfen jedoch nicht als ein rein statisches Verharren in einer Position angesehen werden. Das oftmalige wechseln der Ausgangsstellungen vor dem ersten Klingenkontakt (anbinden) gilt als ein wichtiges Kriterium beim Fechten der deutschen Schule des 15. Jahrhunderts.
Betrachten wir die klassischen Kamae der "Muso Shinden Ryu", so finden wir hier die Kamae:

Jodan, unterschieden in Migi Morote Jodan und Hidari Morote Jodan.
Chudan
Gedan
Wakigamae
Hasso, auch hier Migi und Hidari.
Uragasumi
Omotegasumi


Im Seitei-Iai wie es heute gelehrt wird sind die Unterscheidungen im Jodan und die beiden Kamae Omotegasumi Uragasumi fast völlig verschwunden.
Dem „modernen“ Iaidoka mag die Kamae wie eine feste Burg vorkommen. Für den Bushi der alten Zeit, war die Kamae ein lebendiges Ding, das gleichzeitig Schutz vor aber auch Falle für den Gegner war. Kamae ist die wirkliche Meisterprüfung. Schon in der Kamae, also bevor eine Bewegung eingeleitet wurde, unterscheidet sich der Anfänger deutlich vom erfahrenen Kämpfer. Es gibt in Japan unzählige Geschichten, wie Duelle zwischen Samurai schon in der Kamae entschieden wurden, ohne dass ein einziger Hieb gefallen war.


Viele glauben, dass die beste Verteidigung angespannte Bereitschaft ist, dass man in seinem Kopf Unmengen von Techniken und Tricks haben soll, um sie anwenden zu können, wenn der Angriff kommt. Mit dieser Einstellung ist man leicht zu überlisten und in die Irre zu führen. Das Gehirn ist langsamer als die Hand und kann leicht besiegt werden. Die beste Kamae besteht darin, sich selbst von Plänen, Unruhe und Siegesgelüsten zu entleeren, so dass die Reflexe sich um die Verteidigung kümmern. Mit einer solchen Einstellung kann man nicht überrascht werden.


Folgende kleine Geschichte mag die Relevanz der Kamae erhellen:
„Der große Schwertmeister unserer Zeit ist der alte Kiyoshi Nakakura (1910 – 2000), graduiert zum neunten Dan sowohl im Kendo als auch im Iaido. Er hat in seinen jüngeren Tagen auch Aikido trainiert. Nakakura erzählte mir einmal, wie er seine Danprüfungen durchführt. Er studiert nur das Kamae des Trainierenden, dann weiß er, welchen Dan-Grad dieser haben soll und sieht überhaupt nicht darauf, was sie unter der ganzen restlichen Prüfung machen. Hier und da passiert es trotzdem, dass er zögert - soll dieser Schüler den dritten oder vierten Dan haben? In einem solchen Fall hält er die Augen auf die allererste Bewegung gerichtet. Gleich ob das ein Anfall oder ein Parieren ist, Nakakura weiß sofort, welcher Grad es wird - und schließt die Augen. Mehr muss er niemals sehen.”

Kiyoshi Nakakura (1910 – 2000)

Im Kampf gilt : Jede Haltung des Körpers und des Geistes, ist eine Kamae. Während einer Technik bewegt man sich von einer Kamae in die nächste und man tut nichts als das. Auch die alten Europäischen Fechter „durchlaufen“ ihre Huten, wie auch der Budoka seine Kata durchläuft. Kame ist immer dynamisch, nie statisch. Leider geht diese Erkenntnis im heutigen Iaido oft unter.

Siehe auch (Quellen):
Stefan Stenudd, “Aikido die friedliche Kampfkunst”: http://www.stenudd.com/aikido/deutsch/index.html
Dave Lowry, „Pinsel und Schwert, vom Geist der Kampfkünste“. Schlatt-Books. ISBN 3-937745-14-9
Yamatsuta, Shigeyoshi: „Iaido Hongi (居合道本義)“. Tokyo: Airyudo (愛隆堂). ISBN 4-7502-0272-X.

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