Sonntag, 14. Februar 2010

Suburito, Bokken, Fukuro Shinai, Kumitachi und Freikampf

Beginnen wir mit dem Bokken oder Bokuto (木刀). Immer wieder stellt sich dem ambitionierten Kampfkünstler die Frage: "Brauche ich ein neues Bokken? Wenn ja, welches?". Nun zu allererst einmal ist ein Bokken ein Arbeitsgerät, dass normalem Verschleiß unterliegt und nicht für die Ewigkeit geschaffen ist. Da gibt es die Spezialisten die nach einem kurzen Kumitach Training völlig entsetzt auf ihr Bokken starren und es nicht fassen können, dass das gute Stück doch nun wirklich eineige Dellen und Schrammen aufweist. Oft bricht das Teil auch ganz einfach. Sowas passiert! Wer da anfängt zu greinen hat denn Sinn seines Trainings nicht verstanden.
Der Bokken sind gar viele. Gehen wir erst einmal nicht auf das Material, sondern bleiben wir bei Form, Länge und Gewicht. Die Form des Bokken sollte der jeweiligen Schule der man angehört angepasst und angemessen sein. Viele Schulen haben im Laufe der Zeiten ihre eigenen Bokken Standards entwickelt. Zumindest sollte das Bokken dem Katana ähneln, also eine gewisse Krümmung aufweisen, nicht zu spitz sein, Klingenrücken und Schneide imitieren und ggf. einen ausgearbeiteten Griff und vielleicht eine Tsuba aufweisen. Es gibt da mittlerweile recht nette und haltbare Leder-Tsuba. Diese sollten aber vor dem ersten Gebrauch unbedingt großzügig mit Lederöl behandelt werden um ein Reißen oder Brechen zu verhindern. Noch einmal: Ein Bokken ist ein Gebrauchsgegenstand und kein Fetisch oder Modeartikel!
Gerade das Gewicht ist so eine Sache. Sicher sind leichte Bokken besser zu führen, aber leichter als das eigene Schwert (Iaito oder Shinken) sollten sie nicht sein. Schon die alten Römer trainierten mit einem Übungsschwert das doppelt so schwerer war wie das normale, scharfe Schwert. Dazu hat der Japaner das schwere, oft achteckige, Suburito (素振り刀) erfunden, das mit seiner Länge von ca. 115cm schon mal locker 2,5 kg wiegen kann. Das Training mit einem sochen Teil hilft ein Gefühl für die Körperachse zu entwickeln, beim Muskelaufbau, der Entwicklung eines stabilen Unterkörpers und eines guten Tenouchi, sollte aber unbedingt unter sachkundiger Anleitung vorgenommen werden um Verletzungen zu vermeiden.

Selbstangefertigtes Suburito.
Mein Dank geht an die Schreinerei Ralf Hellhammer in Solingen. Ralf ist nicht nur ein begnadeter Schreiner und Bogenbauer, er hat auch immer ein offenes Ohr, eine helfende Hand und eine tolle Werkstatt für jede meiner neuen, verrückten Ideen und Projekte. Ohne ihn hätte ich viele Ideen nie umsetzten können!

Der Legende nach schnitzte sich Miyamoto Musashi ein Suburito aus dem Ruder eines Bootes, als er auf dem Weg zu seinem berühmten Duell mit Sasaki Kojiro war, den er mit dem ersten Schlag durch einen Hieb auf den Kopf tötete. Sasaki Kojiro war im Gegensatz zu Musashi mit einem scharfen Schwert zum Kampf angetreten. Womit wieder einmal gezeigt wurde, dass es nicht die Ausrüstung ist, die einen Kampf entscheidet.


Selbstangefertigte bzw. –angepasste Bokken aus verschiedenen Hölzern-
Viele Budo-Shops unterscheiden zwischen Deluxe und Standard Bokken, wobei die Standard Bokken oft Chinesische Massenware sind und die Deluxe Bokken aus exotischen Hölzern hergestellt sind. Nun, nicht jeder hat die Fertigkeit und die Möglichkeit sich sein Bokken selbst anzufertigen – ich bevorzuge den Selbstbau – aber wer es kann sollte es tun. Ich bevorzuge Hickory, ein seit altersher für Axtstiele verwendetes Holz mit hervorragenden Eigenschaften. Natürlich sind Robinie und Ebenholz (Vorsicht: Ebenholz ist nicht gleich Ebenholz; Das neue Bokken mal mit Azeton abwischen und schauen ob die Farbe dran bleibt!) auch recht nett und auch andere exotische Hölzer, aber es geht ja um ein Arbeitsgerät. Eiche wird auch oft genommen, doch da beginnt der Irrtum, denn unsere hiesigen Eichenarten haben nichts mit den in Asien bzw. Japan wachsenden Eichensorten zu tun. Sehr zu empfehlen ist Roteiche, die auch in unseren Breiten seit einigen Jahrhunderten heimisch geworden ist. Im Holzhandel findet man Roteiche sehr selten, daher bleibt nur die Entnahme aus der freien Natur (natürlich mit Erlaubnis des zuständigen Försters). Die Jahresringe sollten beim Bokken „stehen“ (Tropenhölzer haben meist keine sichtbaren Jahresringe) und natürlich sollte das Holz keine Wirbel oder Äste aufweisen. Die industrielle Trocknung des Holzes ist auch ein Punkt der die Qualität des Bokken beeinträchtigt. Zumeist sind diese Hölzer zu weit runtergetrocknet. Besorgt man sich selbst sein Holz, so langt es, wenn man das Holz aufspaltet und es dann in einer Ecke des Wohnzimmers oder besser unter dem Bett ein halbes bis ein Jahr trocknet bevor es bearbeitet wird. Die Oberfläche des Bokken sollte extrem glatt geschliffen sein und ein Finisch aus Öl kann auch nicht schaden. Auf keine Fall darf das Bokken lackiert werden. Ein gekauftes Bokken das lackiert ist muss unbedingt geschliffen und vom Lack befreit werden. Dies ist wichtig, damit eventuelle Risse sofort erkannt werden. Beschädigte oder gebrochene Bokken werden nicht geleimt, geklebt oder sonstwie repariert. Dellen und kleinere Risse werden mit der Ziehklinge und Schleifpapier ausgebessert. Mehr aber nicht!
Kumitachi kann natürlich auch mit dem Bokken ausgeführt werden. Beim Freikampf ist das was anderes. Für das Kumitachi und den Freikampf bevorzuge ich ein Fukuro Shinai (袋竹刀) wie sie heute noch in der Owari-Ha Yagyu-Shinkage-Ryu (柳生新陰流) benutzt werden. Diese guten Qualitäten dieses Shinai sind schwer zu bekommen. Ein Fukuro Shinai ist ein sechzehnfach gespaltenes Bambusrohr, das mit einer Lederhülle umgeben ist. Fukuro ist japanisch und bedeutet Tasche. Das Fukuro Shinai der Shinkage Ryu geht zurück auf Kamizumi Ise no Kami und kann als Urtypus des Shinai, also als Urvater des Kendo-Shinai betrachtet werden. Anders als beim Kendo wird beim Kampf und Training mit dem Shinai keine Rüstung getragen. Das Shinai ist flexibel genug um Verletzungen zu vermeiden. In der Shinkage Ryu wird das Shinai hauptsächlich zum Kata-Training benutzt, was ein Training in realer Kampfgeschwindigkeit und ohne Abstoppen des Shinai ermöglicht. Dadurch wird das antrainieren eines Abstoppreflexes verhindert.

Fukuro Shinai

Das Fukuro Shinai ist ideal zum analysieren von Kampfsituationen aber auch zum Freikampf bestens geeignet. Empfindliche Regionen (Kopf, Gesicht, Ohren und Kehle) sollten trotzdem als Trefferzone ausgespart bleiben. Das Shinai ist ca.100cm lang und zu gut 80cm mit einer geschnürten Hülle aus extrem stabilen, trotzdem weichen Leder überzogen. Beim Greifen wird immer etwas von der Hülle mit gegriffen. Die Hülle ist mit dem Schnürriemen an einer Lederwicklung befestigt. Ähnlich wie bei der Tsuru des Kendo-Shinai kann mit diesem Riemen die Spannung auf den Bambus variiert werden. Das Leder wird manchmal lackiert und verbessert sodass Kontaktverhalten des Shinai und vermindert auch die Reibung auf der Haut. Diese Shinai fühlen sich beim Kontakt mehr wie richtige Schwerter an. Die guten kosten so zwischen 100 – 150 Euro, die „billigen“ so um die 50 Euro. Man merkt den Unterschied, besonders wenn man einige verschlissen hat und die Rechnung dann wie so oft zeigt, dass billig gekauft teuer gekauft bedeutet.





Auch die Itto Ryu (一刀流) benutzt gelegentlich solche Shinai, jedoch eher Bokken aus Holz. Hier werden zum Schutz lediglich die traditionellen Itto-Ryu Onigote (鬼小手), eine spezielle Form der Kote getragen. Onigote bedeutet wörtlich "enorme, außergewöhnliche Handschuhe" wobei Kote (甲手 oder modern: 小手) Handschuhe bedeutet, während Oni ein japanischer Begriff ist, der eine außergewöhnliche Sache bezeichnet und das gleiche Schriftzeichen benutzt wie für den Begriff "Dämon" (鬼). Die Onigote oder "Dämon Handschuhe" wurden von Ono Tadazune, Sohn und Erbe von Ono Tadaaki (dem Gründer der Ono-ha Itto Ryu,der auch unter dem Namen Mikogami Tenzen (神子上典膳) bekannt war), entwickelt und erlauben beim Training die ordnungsgemäße Ausführung der „Schnitte“. Diese Kote haben einen längeren und besser gepolsterten Hiji (肘) normalen Kendo Kote. Die Onigote bekommt man nun wirklich nur in Japan, wo sie aus Hirschleder und anderen Ledersorten, mit natürlichen Füllstoffen traditionell handgefertigt werden. Ein Paar kostet so ab 600 Euro bis hin zu über 1000 Euro. In der Qualität sind diese Kote mit sehr guten Kyudo Kake vergleichbar.


 Itto Ryu Onigote

So ausgestattet steht dem Kumitachi und dem Freikampf nichts mehr im Wege. Der Kampf ist deutlich beweglicher als im traditionellen Kendo mit seiner doch sehr behindernden Rüstung. Das ist auch einer der Gründe, warum ich eine handelsübliche europäische Fechtmaske (Typ FIE 1600N, die hält auch mal einen Stoß oder Schlag aus) benutze und keine Kendo Men (面). Zum einen ist man mit einer Fechtmaske deutlich beweglicher als mit dem Men und die Fechtmaske ist leichter auf- und abzusetzen. Der Preisunterschied ist zwar auf den ersten Blick nicht wirklich ausschlaggebend, die Fechtmaske kostet etwa EUR 110,- und eine Japanische Kendo Men so etwa ab EUR 150,-. Jedoch hält die Fechtmaske mehr aus und ich habe das Gefühl einen deutlich besseren Blickwinkel zu haben. Da vergesse ich dann auch mal die Tradition.

Fechtmaske

 
Kendo Men

Siehe auch: http://www.shinkageryu.eu/shinkage.php

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