Montag, 19. Juli 2010

Iaido in Deutschland - Eine Momentaufnahme

Immer öfter höre ich von deutschen Iaidoka die Klage, daß es angeblich keine "wirklich" eindeutige Richtlinie für die Ausführung der zwölf Seitei-Iai (ZNKR) Kata gibt. "Dauernd gibt es Änderungen und jeder zeigt es anders." Ob das so stimmt sei mal dahingestellt, aber wenn Menschen dies äußern oder so empfinden, dann ist da scheinbar was dran.

Es gibt einiges an Material:
Die sogenannte "Rote Bibel" die jeder Iaidoka besitzen und kennen sollte. Leider ist der Text der "Roten Bibel" eher hölzern geschrieben und liest sich ausgesprochen zäh.


Zen Nihon Kendo Renmei Iai, Kommentar, Zweite Fassung im Jahre 1988, Dritte Fassung im Jahr 2000.
Der ZNKR-Kommentar kann für 6,50 € zzgl. Versandkosten bei Titiaan Stuurmann per Mail (siehe Webseite des DIaiB) bestellt werden.
Dazu die beiden im Download auf der DIaiB-Web-Seite erhältlichen Schriften:

Ergänzung zum ZNKR-Kommentar (Änderung vom 26. Juli 2006)


Kurzüberblick über die wichtigsten Änderungen (von 2009, betrifft aber nicht die Ausführung der Kata)

Eine andere Möglichkeit ist die Unterstützung durch Video-Material und DVDs. Hier gibt es:
Die "offizielle" DVD der "All Japan Kendo Federation" aus dem Jahre 2005.


Das schon oft besprochene "inoffizielle" Video von Sagawa Sensei, in dem aber ausschließlich Koryu gezeigt wird.
Die Buch & Video Seite des ZNKR.
Der ZNKR Online Shop

Es gibt auch ein Iaido-Lehrvideo in dem Soejima Sensei die Kata vorführt.

Dann seien noch der Vollständigkeit halber die diversen Videos auf YouTube erwähnt.

Die einzigen anderen Möglichkeiten sein Iai zu überprüfen und zu verbessern sind die verschiedenen Lehrgänge bei den unterschiedlichen Sensei oder Übungsleitern.

Da haben wir zum einen den alljährlich stattfindenden Jahreshauptlehrgang (JHL) des DIaiB, der dieses Jahr vom 24. - 31. Jul. 2010 in Kiel stattfindet. Dort hat der Iaidoka die Möglichkeit unter Leitung von Soejima Sensei, 8. Dan Kyosh, sein Iai zu verbessern. Auf dem JHL werden auch immer wieder "Neuerungen" gezeigt und eingeführt, die aber leider sehr selten schriftlich dokumentiert werden.
Es hat in den letzten Jahren immer wieder Klagen gegeben, daß bei einer Teilnehmerzahl von über einhundert Iaidoka wenig Zeit bleibt um wirklich individuell korrigiert zu werden. Einer der kritisierten Punkte war auch, daß zum Teil einige der deutschen Übungsleiter selbst seit Jahren nicht mehr in Japan oder anderswo waren um sich selbst korrigieren zu lassen und somit ein wirklicher Austausch der aktuellen Iaido-Linie nur bedingt möglich ist.

Dann sind da noch die Seminare in Deutschland und Europa, die von verschiedenen Sensei gehalten werden. Hier ist ebenfalls zu sagen, daß es Seminare gibt, die von Übungsleitern gehalten werden, die wie oben erwähnt ihren Sensei auch nur auf dem Jahreshauptlehrgang sehen und sich nicht in Japan weiter ausbilden lassen. Dies trifft aber nur in den seltensten Fällen zu.

Es scheint Licht am Ende des Tunnels zu geben. Man muß dem DIaiB zu Gute halten, daß er den Spagat zwischen den verschiedenen "Linien" des Iaido in Deutschland realisieren muß und dies auch tut. Es gibt mindestens 3 Linien, davon 2 Ausprägungen der Sagawa Linie: von Sagawa Sensei zu Inoue Sensei, der in Japan das Hakushinkan-Dojo übernommen hat und regelmäßig in Polen einen Sommerlehrgang abhält. Von Sagawa Sensei zu Soejima Sensei, den er ausdrücklich auf Bitten des damaligen DIV (Deutscher Iaido Verband) nach Deutschland gesandt hat, um sich dort um das Iaido zu kümmern.
Daneben gibt es die Linie von Ishido Sensei, zu der auch René van Amersfoort gehört. René hat sich in den letzten Jahren sehr um das deutsche Iaido bemüht.
In Berlin gibt es dann noch Schüler von Furuichi Sensei.
Daneben gibt es aber auch noch die Muso-Jikiden-Eishin-Ryu und im Oldenburger Raum noch einige Anhänger der Katori Shinto Ryu.
Dann gibt es in Norddeutschland die "Deutsche Iaido Vereinigung" unter Karl-Heinz Lübcke, die aber nichts mit dem DIaiB zu tun haben wollen und eine "sehr eigene" Linie verfolgen. Einige andere Dojos die zwar dem DIaiB verbunden sind, aber noch sehr exzessiv der Verehrung Sagawa Senseis anhängen und sich strikt weigern die "Änderungen" und "Neuerungen" die nach seinem Tod eingeführt wurden umzusetzen, sind auch noch zu erwähnen. Die wenigen "seltenen Ryu" die mit sehr kleinen Mitgliederzahlen in Deutschland existieren sollen hier unberücksichtigt bleiben.

Sensei Hakuo Sagawa, 9. Dan Iaido Hanshi, 8. Dan Kendo, gestorben am 16. Dez. 2004

Sensei Soejima Manabu, 8. Dan Iaido Kyoshi

Sensei Inoue Miyoji, 8 Dan Iaido Kyoshi

Sensei Shizufumi Ishido, 8. Dan Iaido Hanshi, 8. Dan Jodo Kyoshi, 7. Dan Kendo Kyoshi

Sensei René van Amersfoort, 7. Dan Renshi Iaido, 7. Dan Renshi Jodo, 5. Dan Wado-Ryu Karate, 2. Dan Kendo

Sensei Norio Furuichi, 8. Dan Iaido Kyoshi

Nun sollte diese Vielfalt aber eigentlich kein Problem darstellen, denn die Unterschiede der einzelnen Ryu spiegeln sich ja "nur" in den Koryu wieder. Die ZNKR Seitei Iai Kata, die in den Prüfungen gezeigt werden, sind Schulen- (Ryu) Übergreifend festgelegt und sollten in jeder der "Linien" gleich aussehen. Ist dies der Fall?

Nun, es besteht Hoffnung, denn der DIaiB hat sich offensichtlich der Herausforderung gestellt und einige Dinge kommen in Bewegung. Vor allem einige der wirklich verkrusteten Strukturen geraten in Bewegung und dies zum Vorteil der deutschen Iaidoka. Denn eigentlich sind die wirklichen Baustellen schon in den Grundlagen zu finden:
Eine fehlende strukturierte Ausbildung die dem jeweiligen Ausbildungsstand des Schülers entspricht. Die oft nicht nachhaltig stattfindende Vermittlung der Grundfertigkeiten (Reiho, Suburi, "Ki-Ken-Tai-Itchi", Noto, sauberes Schneiden und die Beherrschung der Klinge). Die fehlende Vermittlung des theoretischen Hintergrundwissens.
Die Japanische Lehrmethodik des "Der Lehrer zeigt und der Schüler schaut es sich ab", funktioniert in unserem Kulturkreis nur selten und ist nicht für jeden Schüler anwendbar.
Diese Mängel sind von Dojo zu Dojo und von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich stark ausgeprägt. Manchmal hapert es auch an der Arbeit der jeweiligen Landesverbände. In einigen Bundesländern sieht es da ganz trübe aus!

Ich bin auf das Feedback der Teilnehmer am diesjährigen Jahreshauptlehrgang des DIaiB gespannt!

Was aber jedem Iaidoka zu raten ist: "Besucht so viele Lehrgänge und Seminare so vieler verschiedener Sensei wie Ihr könnt! Nur wer über den Tellerrand schaut kann etwas dazulernen. Manchmal ist es einfach nur die Art und Weise wie ein anderer Lehrer etwas zeigt oder erläutert, was dann zu einem echten Erkenntnisprozeß und einer Verbesserung des eigenen Iai führt."

Ganbate!

Kommentare:

  1. Keine schlechte Zusammenfassung! Es wäre aber schön gewesen, die Unterschiede der verschiedenen in Deutschland tätigen Gruppen noch deutlicher zu benennen. So bekennt sich die Gruppe um Karl-Heinz Lübcke (wie auch einige andere Gruppen) zum Gebrauch des scharfen Schwertes im Training und hebt sich damit vom DIaiB ab (ohne dies bewerten zu wollen). Ein weiterer Unterschied ist die Gewichtungen von Wettkämpfen, die von einigen Gruppen abgelehnt, von anderen jedoch eifrig betrieben werden.

    Sturmvogel

    AntwortenLöschen
  2. Diesen Kommentar von "Sturmvogel" kann ich leider nicht unkommentiert veröffentlichen.

    Ja, der Autor hat Recht, wenn er auf das "Bekenntnis" der Gruppe um KHL zum scharfen Schwert hinweist. Des ist aber nicht das einzige Bekenntnis. Ich bin aber nicht gewillt meinen Blog zu einer Plattform und zum Sprachrohr gerade dieser Gruppe unter diesem „Sensei“ zu machen. Die Gründe sind vielfältiger Natur und werden hier auch nicht öffentlich besprochen!

    Es sei nur so viel anzumerken: Der Gebrauch des scharfen Schwertes ist eingetragenen Vereinen, die in öffentlichen Sporthallen trainieren aus waffenrechtlichen Gründen, versicherungstechnischen Gründen und aus Gründen der Auflagen der Sportbünde und der Schulämter (meist oder fast immer) nicht möglich. Und dies aus gutem Grund. Ja, auch ich bin ein Befürworter des Übens mit dem scharfen Schwert. Aber nur dort wo dies möglich ist und mit den richtigen Leuten unter sachkundiger Anleitung. Dazu gehören nicht nur irgendwelche Budo-Titel, dazu gehört auch eine Ausbildung und Befähigung zum Lehren. Dies unter anderem durch eine Übungsleiter Lizenz und einen in Deutschland anerkannten Sachkundenachweis. Nicht jeder taugt zum Lehrer!!

    Die Bewertung und Teilnahme an Wettkämpfen ist sicherlich auch ein Unterscheidungsmerkmal, aber kein gravierendes. Mir sind einige Vereine bekannt, die Mitglied des DIaiB sind und ebenfalls nicht an Wettkämpfen teilnehmen oder in denen die Mitglieder keinen Wert darauf legen.

    Interessant ist in dem Beitrag von „Sturmvogel“ eher die Vokabel „Bekenntnis“. Ich habe so meine Probleme mit derart weltanschaulich geprägten Aussagen, da steckt meist mehr dahinter. Mag der Leser selbst urteilen.

    Viel wichtiger ist es meiner Meinung nach, einen Verein oder eine Trainingsgruppe zu finden die nicht von Egomanen oder Selbstdarstellern geführt wird. Mag jeder auf seine Art glücklich werden, aber einen Sektencharakter mit einem guruartigen Führer sollte weder im Iaido noch in einer anderen Kampfkunst akzeptiert werden. Eines der Ziele des Iaido, wie auch einiger anderer Budokünste, ist die Vernichtung des eigenen Ego und daran hapert es bei einigen Lehrern, auch bei einigen der Lehrer die in Vereinen tätig sind die dem DIaiB angeschlossen sind.

    Das Thema ist hiermit abgeschlossen!

    AntwortenLöschen
  3. Hallo an Alle,
    hat jemand vielleicht Infos (Adresse, webseite, etc.) von dem Hakushinkai Dojo in Tokyo?

    Danke,

    Valerio

    AntwortenLöschen