Montag, 4. Oktober 2010

"jo-ha-kyu" (序 破 急)

Vielen Iaidoka ist der Begriff des "jo-ha-kyu" (序 破 急) mehr oder weniger unbekannt. Leider wird dieses Thema auch von nahezu keinem Sensei in Deutschland gelehrt. Daher soll hier das Konzept des "jo-ha-kyu", wie es sich in den Iaido Kata ausdrückt beschrieben werden.

Jo-ha-kyu ist ein alter Begriff, der ursprünglich aus dem Nō-Theater (能) stammt. Er erschien erstmals im 14. Jahrhundert in den Schriften des Meisters Zeami Motokyo, der ihn benutzte, um die Entwicklung der Story und der Handlung im Noh Theater zu beschreiben. In den Bereichen Theater, Musik und Literatur beschreibt der Begriff jo-ha-kyu oberflächlich ausgedrückt die Idee von Anfang, Mitte und Ende.


Die Schriftzeichen mit denen jo-ha-kyu geschrieben wird liefern jedoch weitaus tiefere Bedeutungen als die drei einfachen Worte "Anfang, Mitte, Ende". Während "JO" (序), üblicherweise "Anfang, Einleitung, Vorwort" bedeutet, haben "HA" (破) und "KYU" (急) viel weiter reichende Bedeutungen. "HA" wird wenn es alleine steht "yaburu" gelesen, was "zerreißen, zerbrechen, abbrechen" bedeutet. "KYU" bedeutet "dringend, plötzlich, schnell, eilig." Diese Bedeutungen für "HA" und "KYU" geben ein ganz anderes Gefühl der Idee von "jo-ha-kyu" als lediglich "Anfang, Mitte, Ende." Kombiniert man diese Bedeutungen mit der Grundidee von "Anfang, Mitte, Ende", so ergibt dies ein Gefühl von Anspannung oder Druck der sich aufbaut, bis die Spannung sich in der finalen Aktion Raum bricht, also jene Auflösung, die zum Ende führt.


Betrachtet man die Kata Ipponme "Mae" (前 )in diesem Licht, ergibt dies einen interessanten Einblick in die Struktur der Kata, wie sie im ZNKR Seitei praktiziert wird. Die Kata beginnt, indem der Iaidoka friedlich im Seiza sitzt, als er sich dessen bewusst wird, dass der neben ihm sitzende die Absicht hegt ihn anzugreifen und er langsam beginnt seine Waffe zu ziehen um den Angriff zuvor zu kommen. Während dieser Zeit steigt die Anspannung, während der Iaidoka sich immer mehr dem Punkt nähert sein Schwert zu ziehen und sein Gegener das gleiche macht. Dies ist eindeutig "JO", der Anfang, der in Richtung der Aktion führt. "HA" tritt in dem Moment auf, wenn die Spannung sich in der Aktion manifestiert, wenn die Kissaki die Saya verlässt. In diesem Augenblick ist "JO" vorbei, hat den Anfang ist beendet.

Den Begriff "HA" zu benutzen um diesen Übergang zu beschreiben scheint besonders geeignet für eine Kata in der Anfang und Mitte im Charakter der Bewegungen so unterschiedlich sind und die Transformation so abrupt geschieht, dass es sich tatsächlich anfühlt, als würde etwas zerrissen. In Mae muss der Iaidoka diese Entwicklung dadurch zum Ausdruck bringen, dass er den Gegner (Teki 敵) mit dem Druck seines Metsuke (beim Metsuke wird das ganze Bewusstsein auf den Gegner gerichtet) und dem bewussten Ziehen des Schwertes unter Druck setzt. Kombiniert mit der Wirkung des Ergreifen des Schwertes und dem Vorwärtsdrängen, übt diese Aktion Druck auf den Gegner aus, seine Absicht anzugreifen aufzugeben. Wenn es klar ist, dass der Gegner nicht aufgeben wird, also ohne Zweifel angreifen wird, ergreift der Iaidoka die Initiative, indem er die Situation mit einem Angriff auf die Augen des Gegners beherrscht. Dieser Schnitt verhindert den Angriff, hindert den Gegner sein Schwert zu ziehen und treibt ihn zurück. Der Gegner ist aus dem Gleichgewicht gebracht und befindet sich in einer Position, aus der er weder sein Schwert ziehen noch sich anderweitig effektiv bewegen kann.

Von dem Moment an wo die Kissaki die Saya verlässt, befinden wir uns in der Mitte der Kata, dem "HA". Nach dem Nukiuchi, das den Gegner zurück drängt und aus dem Gleichgewicht bringt, drängt der Iaidoka voran, übt weiterhin Druck auf den Gegner aus und lässt ihm keine Möglichkeit, sich für seinen ursprünglich geplanten Angriff zu sammeln. Die Spannung, die begann, als der Iaidoka wahrnahm, dass der Gegner die Absicht hegte anzugreifen wurde durch den Präventivschlag nicht gelöst, sondern sogar noch erhöht. Wenn der Iaidoka vorandrängt, den Gegner durch den Druck seines Angriffs weiter zurück treibt, erhebt er sein Schwert über den Kopf.

Dies bringt uns zu den letzten Teil der Handlung, was man in der westlichen Literatur den Höhepunkt nennen könnte. Die Iaidoka ist im "KYU" angekommen. Das Ende der Kata ist das letzte "Kirioroshi" (senkrechter Schnitt abwärts). Der Gegner wurde zurückgetrieben und in diesem Moment wo er offen ist, beendet der Iaidoka die Aktion. Dieses Kirioroshi muss kraftvoll sein, ausgeführt mit all der Energie und Spannung, die in den "JO" und "KYU" Abschnitten der Kata aufgebaut wurden. Dies ist der Höhepunkt der gesamten Kata. Alles in der Kata strebt auf diesem Punkt zu, mit der Energie und der Absicht des Iaidoka die keine andere Auflösung zulässt, nachdem der Gegner sich dazu entschlossen hatte anzugreifen.

Nach dem "KYU" ist die Kata noch nicht beendet, aber die Spannung und der Druck wurden gelöst. Die Iaidoka kann nun nicht zulassen unaufmerksam zu werden, nur weil seine Gegner besiegt wurde. Er muss aber Zanshin beibehalten, Wachsamkeit, bis die Bedingungen sich ändern und die Kata wirklich beendet ist.

Es gibt die Vorstellung, dass jeder Teil von jo-ha-kyu wiederum seine eigenes jo-ha-kyu hat. Obwohl diese Idee sehr interessant ist, würde eine Betrachtung dieser Tiefe den Rahmen dieses Textes sprengen.
Das Konzept von jo-ha-kyu zeigt deutlich, dass die Ausführung der Kata nicht nur einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat, sondern auch wie sich diese Abschnitte entwickeln und der Übergang von Abschnitt zu Abschnitt vonstatten geht. In der ZNKR Kata Ipponme "Mae" sehen wir jo-ha-kyu in der Entwicklung und Wirkung der Kata. "JO" ist die friedliche Eröffnung und der Aufbau von Spannung und Bewegung bis zum Zeitpunkt des Nukiuchi, an dieser Stelle beginnt "HA". Dies ist die Mitte und sie beginnt mit Schnitt der die Ruhe beendet und die von Anfang an aufgebaute Spannung löst. Kyu ist das rasche Beenden der Aktion und somit der Kata, was schließlich den Konflikt beendet.

Jeder Iaidoka der die höheren Graduierungen anstrebt sollte seine Kata - alle Kata - auf diese Art untersuchen und sich darüber im Klaren sein wie das Konzept "jo-ha-kyu" auf die einzelnen Kata anwendbar ist. Zumindest für die zwölf ZNKR Kata sollte dies gemacht werden und dann natürlich für die Koryu Kata die in der Prüfung gezeugt werden soll.


In seinem aktuellen Blog Beitrag schrieb Richard Stonell auf [ kenshi247.net]:
"Nukitsuke und Nukiuchi sind verschieden. "Tsuke" bedeutet, dass man handeln um einem gegnerischen Angriff zuvorzukommen, bevor dieser überhaupt begonnen hat. Andererseits bedeutet Nukiuchi, einen Gegner mit einem Schnitt niederzustrecken. Ohne ein Verständnis des Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen, wird Deine Fechtkunst unwirksam sein."
      Kamimoto Eiichi Sensei, Iaido 9. Dan Hanshi, Kendo Hanshi 8. Dan


Diese kurze Erklärung unterstreicht und verdeutlicht einen wichtigen Punkt über Iai (insbesondere bezüglich Muso Shinden Ryu, Muso Jikiden Eishin Ryu und ZNKR IAI). Es handelt sich hier um einen einfachen linguistischen Fakt, doch auch wenn man Japanisch spricht, übersieht man ihn leicht.


Kamimoto Sensei stellt eindeutig fest, dass Nukitsuke (抜 打) nicht nur die Handlung, das Schwert zu ziehen und den Gegner zu schneiden ist. Vielmehr ist es die Anwendung (付ける) der das Schwert zu ziehen (抜く) um einen Gegner zu kontrollieren. Genau so unterscheidet sich Nukitsuke davon einfach das Schwert zu ziehen und zu schneiden.


Im Kendo will man den Gegner kontrollieren und nicht nur auf ihn einschlagen. Es scheint logisch, dass ist das gleiche Konzept auch für das Iaido wesentlich ist. Nach Kamimoto Sensei ist dieses "zuvorzukommen" eines Angriffs und die Kontrolle des Gegners ist Teil dessen was Nukitsuke definiert - das so genannte "Leben des IAI" (居合 の 生命). Daraus folgt, dass ein Verständnis der oben beschrieben Unterscheidung für ein effektives Iaido unerlässlich ist.
Dieser Beitrag ist unter dem Hintergrund von "jo-ha-kyu" besonders interessant. Lieber Leser und Iaidoka, versuch doch mal die Kata Nukiuchi auf das "jo-ha-kyu" anzuwenden!


jo-ha-kyu
Ein gutes Rezept für eine Präsentation: "ein überraschend jähes Ende".


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