Dienstag, 12. Oktober 2010

-Jutsu 術 oder -Do 道

Dem am Budo Interessierten, speziell dem der sich für die Schwertkünste interessiert, eröffnet sich eine verwirrende Vielfalt von begriffen. Der Hauptunterschied ist zumeist in der Endung der Bezeichnungen zu finden. -Jutsu oder -Do.


Die Wandlung vom -Jutsu zum -Do begann bereits in der Edo-Zeit (1603 - 1868). Durch das Ende der jahrhundertelangen Kriege und Kämpfe wurden die meisten Samurai arbeitslos und es war nötig die freien Energien dieser hoch trainierten Kämpfer zu kanalisieren. Viele der heute so hoch geschätzten "Wege" oder -Do gehen auf diese Periode zurück. Die kämpferischen Aspekte mussten in "geistige" transformiert werden um den nunmehr nicht dem Krieg zugewandten Samurai zu beschäftigen und um zu erziehen. Es ging unter anderem auch um das Einhalten und die Durchsetzung des Gewaltmonopol des Staates.

Flagge der Shinsengumi

 Das Verbot in der Öffentlichkeit das Schwert zu tragen und zu benutzen, ausgesprochen durch Kaiser Meiji im Jahre 1867, bewirkte am Ende das Verschwinden der jahrhundertealten Budotraditionen. Auch hier ging es ganz besonders um die Wahrung des Gewaltmonopols des Staates, was aus den Erfahrungen der niedergeschlagenen Aufstände (Sonnō jōi, Shinsengumi 1860, Mito-Rebellion 1864, Boshin-Krieg 1868/69, Satsuma-Rebellion 1877) resultierte. Nach einer erneuten Blüte, unter dem Eindruck das japanischen Nationalismus, der Expansion (Japanisch-Chinesischer Krieg 1894-1895, Russisch-Japanischer Krieg 1904-1905) und des zweiten Weltkrieges mit seinem Ende 1946, verschwanden die kriegerischen -Jutsu Budokünste fast vollkommen in der Versenkung der Geschichte.
Zuerst von der amerikanischen Besatzungsmacht nach dem 2. Weltkrieg verboten, vollzog sich im Japan der 50er und 60er Jahre eine Öffnung der Kampfkünste, nachdem die amerikanische Militärregierung unter General Douglas McArthur 1951 die Regierung an Japan übertrug. Viele Disziplinen gaben sich die Endung "-Do" anstelle des bislang vorherrschenden "-Jutsu". Damit sollten die geistigen Aspekte der Übung nun höher bewertet werden als die reine Technik. Auch wäre sonst von der Besatzungsmacht die Erlaubnis diese Künste wieder offiziell unterrichten und praktizieren zu dürfen nicht erteilt worden. Es ging nicht wirklich um den Übergang vom kriegerischen zum geistigen Aspekt sondern darum einen "Weg" zu finden die Künste wieder aufleben zu lassen und offiziell praktizieren zu dürfen. Viele der alten Schulen mussten bis dahin im Verborgenen geübt werden. Ganz einfach gesprochen ist -Do eine deutlich modernere Variante der alten Schulen in einem neuen Marketingkonzept.

Meiji-tennō, 1873

Nach Aufhebung des Budo-Verbotes und die Erneuerung der inneren Disziplin am Anfang der 50er Jahre tauchen zwei Theorien auf, die eine kurze Zeit konträr gegenüberstanden. Die erste Theorie, getragen von den Künstlern und Sammlern japanischer Waffen, besagte, dass das Schwert nicht mehr benutzt werden sollte, sondern in den Museen des Landes einer breiten Öffentlichkeit als Objekt der traditionellen Kunst Japans zugänglich gemacht werden sollte. Die zweite Theorie, formuliert von einer Minderheit begeisterter Anhänger des Budo und deren Lehrern, besagt, dass die primäre Funktion des japanischen Schwertes das Schneiden und das Stechen ist. Es gilt hierbei die Tradition zu wahren, sich mit der Moderne zu verbinden, ohne dabei die ursprüngliche Philosophie aufzugeben und das Praktizieren das Battodo zu einer sportlichen Übung verkümmern zu lassen, wie das in vielen anderen Budo-Disziplinen der Fall war und ist.

Shōwa-tennō (昭和天皇) - Kaiser Hirohito, 1928

Einen wichtigen Beitrag zur internationalen Verbreitung einzelner Disziplinen erbrachten neu entstandene Verbände. Die ZNKR (Zen Nihon Kendo Renmei / Alljapanischer Kendo Verband) ist z.B. zuständig für die Belange des: Kendo, Iaido, Jodo und Naginatado.

General Douglas MacArthur

Heute steht der Interessierte vor einer Vielzahl missverständlich benutzter Begriffe:

Iaido 居合道 „Weg des Schwertziehens“. Die Besonderheit liegt darin, dass das Schwert so gezogen wird, dass es noch während des Ziehens als Waffe eingesetzt werden kann. Im Iaidō spiegelt sich die Zen-Philosophie wider. Man kämpft nicht gegen einen echten Gegner, sondern man „spiegelt“ sich selbst. Man versucht seine eigenen Fähigkeiten zu meistern und seine Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Iaijutsu 居合術 "Technik des Schwertziehens". Bezeichnet das Üben des Schwertziehens und der Schwertkunst für den Kampf. Iaijutsu wurde angewendet, wenn der Gegner unerwartet sein Schwert zog. Dabei war es lebensnotwendig, Techniken zu entwickeln, mit dem das eigene Schwert schneller gezogen werden konnte, um den ersten Schlag auszuführen. Die Techniken nach dem besagten ersten Schlag (Iai) gehören dann in das System des Kenjutsu. Zum Iaijutsu gehört dann wieder das korrekte Zurückstecken des Schwertes in einem Zug. Iaido und Kendo sind nicht zwei verschiedene Kampfkünste- es sind zwei Aspekte der Schwertkampfkunst.

Battodo 抜刀道 "Der Weg mit dem Schwert zu schneiden".

Battōjutsu 抜刀術 „Kunst des Schwertziehens und Schneidens“. Das Ziehen und der erste Schnitt sind eine Bewegung sind. Bei entsprechender Ausführung des Bewegungsablaufes konnte der erste Schnitt auch schon tödlich sein. Das konzentriert den Zweikampf auf einen Moment, einen Schnitt. Daraus ist zu verstehen, dass die mentale Stärke des Samurai als kampfentscheidend angesehen wurde.

Kendō 剣道 „Schwert Weg“. Eine abgewandelte, moderne Art des ursprünglichen japanischen Schwertkampfes Kenjutsu wie ihn Samurai erlernten und lebten. Kendō, als Weg, verfolgt nicht nur die Techniken und Taktiken des Schwertkampfes, sondern auch die geistige Ausbildung des Menschen. Die Übenden sollen durch Kendō vor allem Charakterfestigkeit, Entschlossenheit und moralische Stärke erlangen.

Kenjutsu 剣術 „Schwert-Künste“. Oft als Oberbegriff für die traditionellen Schwertschulen Japans gehandhabt, aus denen sich unter anderem das moderne Kendō entwickelt hat. Praktizierende des Kenjutsu heißen Kenshi 剣士.

Auch der japanische Bogen unterlag dieser Entwicklung. Aus Kyujutsu 弓術, der „Bogen-Kunst“ wurde Kyudo 弓道, der „Bogen-Weg“.

Aus dem Vorhergehenden kann man entnehmen, dass, diesem Gedankengut folgend, so aus „Bujutsu“ „Budo“ wurde, der Weg der Kriegskunst, und aus „Iaijutsu“ „Iaido“ – der Weg, der Situation entsprechend (richtig) zu reagieren, nicht „der Weg, das Schwert schnell zu ziehen“, die landläufige Übersetzung von Iaido, sondern eben eine Kunst, die eine Entscheidung über richtig und falsch, über Leben und Tod, auch unter Einbeziehung der Tugenden des Bushido von eben diesen abhängig macht. Selbst in dem Wort „bu“ steckt diese Dualität: Das Schriftzeichen für „bu“ setzt sich zusammen aus „tomeru“ (=vermeiden) und „hoko“ (=Konflikt) und bedeutet nichts anderes als die „Vermeidung eines Konfliktes“ 
Quelle:
"Flashing Steel: Mastering Eishin-Ryu Swordsmanship",
Autoren: Shihan Shimabukuro & Leonard Pellman
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Blue Snake Books; Auflage: Überarbeitete Neuauflage: 2008
Sprache: Englisch
ISBN-13: 978-1583941973

Ursprüngliche Originalausgabe:
Taschenbuch: 270 Seiten
Verlag: Frog Books, 1995
Sprache: Englisch
ISBN-10: 1883319188
ISBN-13: 978-1883319182

Allerdings: Das Zeichen für „jutsu“ setzt sich aus „gehen“ und „Hirse“ zusammen und bedeutet so viel wie „in den Feldern umherirren, um dort seinen Weg wieder zu finden“. Es ist die Vorstufe des geistigen Weges. Und schließlich das Zeichen für „Do“: In einer anderen Schreibweise drückt es „jemanden leiten, eine Richtung geben“ aus, heute lesen wir es als „Weg“, das Zeichen schreibt sich aber mit dem Ideogramm von „Kopf“ (aus: Tamura Nobuyashi: Aikido, Wien 2006), es handelt sich bei der Wahl des Weges also um eine geistige Leistung, der Wegsuchende hat wieder die Wahl der Richtung, eine eigene Entscheidung. „Das Schwert in der Scheide“ war von Anfang an in den Kampfkünsten die richtige Entscheidung, wenn man die einzelnen Ideogramme der japanischen Schrift zu lesen versteht.
Quelle:
"Die Begrifflichkeit und Bedeutung von SAYA NO UCHI NO KACHI -
der Bezug zu Iaido im Besonderen und den japanischen Budokünsten im Allgemeinen." Ausarbeitung von Thomas Haumüller zum 4. Dan Iaido

Wie schon in meinem Beitrag "Kampfkunst und Zen 禅 (Buddhismus)" beschrieben, geht es zuerst einmal darum die Technik zu entwickeln und zu verinnerlichen. Hat man darin eine gewisse Meisterschaft entwickelt, ist man auf der Stufe auf der das -Do beginnen kann. Jedoch halte ich es für eine moderne, romantische Vorstellung esoterischer Gutmenschen zu glauben, dass man erst einmal -Do "macht" und dabei die Technik erlernt. Es mag funktionieren, aber man vergisst dabei allzu leicht, das die "Kunst" die man erlernt eine "Kampfkunst" ist und zum Schutz des eigenen Lebens und im Zweifelsfall zur Vernichtung des Gegners dient.

Im Iaido soll sich zum Beispiel die Zen-Philosophie widerspiegeln. Man kämpft nicht gegen einen echten Gegner, sondern man „spiegelt“ sich selbst. Man versucht seine eigenen Fähigkeiten zu meistern und seine Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Das Ziel beim Iaido ist, sich auf die exakte und sichere Ausführung der Kata zu konzentrieren und die Einheit von Körper, Geist und Schwert zu entwickeln (Ki-Ken-Tai-Ichi). Ursprünglich wurden vielfältige Formen geübt, um körperlich jeder Gefechtssituation gewachsen zu sein und angemessen zu reagieren. Es wird gelehrt, dass die Meisterschaft erreicht wäre, wenn man eine Situation beherrscht – ohne das Schwert zu ziehen. Das erfordert die Entwicklung einer starken Persönlichkeit durch langjährige Übung.

Die Frage ist die sich dem Interessierten heute stellt ist: "Was will ich erreichen?" Möchte ich "Rhythmische Sportgymnastik mit einem Waffenimitat" üben und dabei das Gefühl haben mich in einem esoterisch/weltanschaulichen Hintergrund weiter zu entwickeln oder will ich eine Kampfkunst erlernen mit dem Hintergrund eine tödliche Waffe zu führen und mich dabei weiter zu entwickeln. Beides ist legitim und hat seinen Platz in unserer Gesellschaft.
Wir leben zum Glück in einer Welt in der tödliche Auseinandersetzungen mit Waffen eher eine seltene Ausnahme sind. Die Begründer der Kampfkünste lebten nicht in solch einer Welt. Ganz im Gegenteil.

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