Freitag, 3. Dezember 2010

Bambus-Pfeile (Teil 1: Grundlagen)

Als Kyudoka der Hei Ryu Insai Ha stieß ich sehr bald auf die alten Aufnahmen, die den verstorbenen Prof. Inagaki Genshiro beim Kriegsschiessen, dem Koshiya, zeigen. Das Koshiya ist das gezielte, durchschlagende Schiessen auf kürzere Distanzen (bis 28m) aus dem Hüftköcher in traditioneller Rüstung mit scharfer Pfeilspitze.



Gemeinsam mit zwei Mitstreitern aus unserem Kyudo-Verein wurde bald die Idee geboren auch das Kriegsschiessen zu praktizieren. Dazu bedarf es zuallererst einmal der Kriegspfeile und dann muss auch noch ein passender Köcher, ein Ebira, her und zu guter Letzt der richtige Schiesshandschuh. Im Gegensatz zum "normalen" Kyudo wird hier ein weicher Handschuh ohne Daumenkapsel verwendet.
Über Rüstung, Helm oder Stirnband mit Stahlplatte "Hitai Gane Maki" sowie Brustpanzer - Do oder Hotokedo (胴 / 仏胴) wollen wir hier noch nicht reden.

Siehe auch den Artikel "Japanische Handwerkskunst: Der Pfeilmacher" mit Links zu drei wunderbaren Videos, in denen die alte Kunst eines Japanischen Pfeilmachers gezeigt wird.

Um die Pfeile zu bauen benötigten wir Bambus Pfeilschäfte. Diese wurden aus China bezogen. Wir bestellten 300 Stück, 1,15 Meter lang, geschliffen, "tempered," gerade gebogen und nach Spine-Wert sortiert. Über das Projekt "Kriegspfeile" wird Ende Dezember hier im Blog ein Bericht erscheinen. Zuerst einmal galt es die notwendigen Informationen zu Bambuspfeilen zu sammeln.

Für die Herstellung von Pfeilschäften (Ya) wird grundsätzlich zweijähriger Yadake (矢竹) Pfeil-Bambus (Pseudosasa japonica, Syn. Arundinaria japonica) verwendet. Der dreijährige Bambus wird als ungeeignet erachtet. Die Anzahl der Nodien (Ringe oder Knoten) ist nicht festgelegt, jedoch werden meistens Schäfte mit vier Nodien verwendet. Jede dieser Nodien hat natürlich auch eine eigene Bezeichnung, die sich auch noch unterscheiden kann, je nachdem ob es sich um einen Kriegspfeil oder einen Sportpfeil handelt.

Sehr hochwertige Schäfte werden in Gruppen zu vier oder sechs Pfeilen so sortiert, dass die Nodien bei allen Pfeilen auf der selben Position liegen. Hierbei ist darauf zu achten, dass der Sodesuribushi 袖摺節, die dritte Nodie von der Spitze aus gesehen, immer oben platziert wird. So wird dafür Sorge getragen, dass die stärkste Belastung am Schaft nicht direkt am Knoten statt findet. Die Schäfte werden meist über einem speziellen Strohfeuer geröstet (tempern), was sie härter und weniger biegsam macht. Der Vorgang des "temperns" führt zu einer Verfärbung und verändert die physikalischen Eigenschaften des Bambus. Untersuchungen der RWTH Aachen haben gezeigt, dass so behandelter Bambus ähnliche Eigenschaften aufweist wie Duraluminium. Einige Schützen bezeichnen Bambuspfeilschäfte wegen ihrer Haltbarkeit und ihrer physikalischen Eigenschaften daher auch als "natürliche Karbon-Schäfte".

Je nach ihrer Farbe und Bearbeitung unterscheidet man verschiedene Schaftarten:
  • Shirano: weißer, naturfarbener Schaft
  • Kogashino oder Aburino: getemperter, brauner Schaft
  • Suyaki: gebrannter, bräunlicher Schaft, der beim Wettschiessen eingesetzt wird
  • Sawashino: gedämpfter, schwarz lackierter Schaft
  • Kawame Norinono: ein Schaft der so lackiert wurde, dass er aussieht als habe er noch die Bambusrinde
  • Nogoinono: rot lackierter Schaft
  • Fushikage: Schaft bei dem die Nodien und die Ringschatten (die Stellen an denen die Bambusblätter abgebrochen wurden) glänzend Schwarz lackiert ist.
Nach dem tempern werden die Schäfte über einem Holzkohlefeuer gerichtet. Dieses Richten findet in mehreren Arbeitsschritten statt: Ara-Dame: grobe Verbesserung; Naka-Dame: mittlere oder erneute Verbesserung; Ishiarai: Steinwaschen (Ishi = Stein, Arai = waschen). In diesem Arbeitsgang wird die Oberfläche mit einem speziell geformten Stein geglättet. Danach wird der Pfeil lackiert oder geölt und wird danach Yanochiku genannt.

Die Yanochiku werden ihrer Form nach in drei Güteklassen unterteilt:
  • Ichi Monji: Eins-Zeichen. Der Name leitet sich von dem Japanischen Schriftzeichen für die Zahl Eins ab, die als gerader Strich geschrieben wird. Der Pfeilschaft hat einen Durchmesser der über die ganze Länge unverändert bleibt.
  • Mugi Tsubo: Weizenkornform. Dieser Pfeilschaft wird im traditionellen westlichen Bogenschiessen als "barrel-taper" bezeichnet. Er hat an der Spitze und am Ende schmal und in der Mitte deutlich dicker. Diese Schaftform ist das Optimum und wird von den asiatischen Schützen bereits seit über 700 Jahren verwendet. Er eignet sich besonders für das Enteki-Schiessen, bedarf aber einer sehr exakten Arbeit der Tsunomi.
  • Sugi Nari: Zedernform. Dieser Pfeilschaft ist konisch geformt und ist an der Spitze am dicksten und an der Nocke am schmalsten. Dies entspricht der Wuchsform des Bambus. Wegen des an der Spitze befindlichen Schwerpunktes sind diese Pfeile besonders für das Zielschiessen geeignet.
Krumme Pfeile können später durch vorsichtiges Erhitzen über einer Flamme weich gemacht und mit der Hand oder einem speziellen Richtholz gerichtet werden.

Bambuspfeile haben viele Faktoren. Ein guter Satz muss die folgenden Merkmale erfüllen:
  • Jeder Schaft muss gut getempert (Vergütung und Härtung durch erhitzen) sein.
  • Jeder Schaft muss die gleiche Anzahl und Position der Nodien aufweisen.
  • Jeder Schaft muss das gleiche Gewicht haben.
  • Jeder Schaft muss die gleiche Schaftdicke haben, um die gleiche Biegsamkeit in alle Richtungen aufzuweisen.
  • Jeder Schaft muss die gleiche Balance aufweisen.
Pfeile für das Schießen über 28m haben 4 Nodien auf dem Schaft, wohingegen jene für 60m oder 90m Entfernung normalerweise 3 haben.

Gerade bei hochwertigen Bambuspfeilen ist auf die überlieferte und korrekte Position der Nodien zu achten. Die Entfernung des ersten Nodie von der Spitze soll der Faust des Schützen entsprechen. Die erste und die dritte Nodie sollten auf der oberen Seite des Schafts, in Linie mit der Nockkerbe und einer Feder liegen. Die zweite Nodie sollten genau zwischen 1 und 3 liegen und anders als diese auf der unteren Seite des Schafts. Die dritte Nodie sollte bei 1/3 des Schaftes, gemessen von der Nocke, liegen. Die vierte Nodie sollte irgendwo in der Befiederung verborgen sein.
An den Nodien ist der Schaft steifer. Die erste Nodie wird deshalb an der Stelle platziert, wo der Schaft am meisten beansprucht wird, wenn der Pfeil das Ziel trifft, weshalb er nicht zu weit entfernt von der Spitze sitzen sollte. Die dritte Nodie befindet sich dort, wo der Pfeil am stärksten beim Lösen von der Sehne gebogen wird. Die Nodien sollten der Biegung des Schaftes standhalten, die durch die Krümmung des Schaftes durch die sinusförmige Schwingung der Sehne erzeugt wird.


Die Japanischen Namen der vier Nodien lauten:
1. Itsukebushi, 射付節(いつけぶし)
2. Nonakabushi, 箆中節
3. Sodesuribushi, 袖摺節
4. Hanakabushi. 羽中節

Bushi bedeutet Gelenk oder Nodie. Vier Nodien haben sich als optimal erwiesen. Würde man Schäfte mit fünf oder sechs Nodien verwenden würden die Pfeile nicht sauber fliegen, da bei mehr Nodien die Aufwärts- und Abwärtsbewegung des Pfeils im Flug zunehmen würde.
Die traditionelle Japanische Gewichtseinheit in der Pfeile gewogen werden ist Monme 匁, was ungefähr 3,75 Gramm entspricht.

Archers Paradox und Biegefestigkeit "Spine" / "Nohari"
Diesen Aspekt möchte ich nur kurz beschreiben, da es hierzu eine sehr gute Seite im Internet gibt, auf der dieser Effekt durch einzigartige Videoaufnahmen dargestellt wird:
Seite 1
Seite 2


Das Archers Paradox, das Paradoxon des Bogenschiessens, beschreibt den Umstand, dass ein Pfeil, der von einem Bogen geschossen wird, sich durch die Beschleunigung zunächst biegt, dann um den Griff "herumwindet" um dann nach einigen weiteren Biegungen in der Luft durch die Federn stabilisiert zu werden. Um die Windung um den Griff so zu "timen", dass der Pfeil nicht am Griff anschlägt, ist eine exakte Abstimmung des Pfeils auf die Zugkraft des Bogens und auf den Schützen notwendig. Diese Abstimmung wird durch einen passenden "Spine" oder auf Japanisch durch das richtige Nohari erreicht. Das Nohari ist ein Wert, der sich aus der Biegung errechnet, wenn man ein 2 Pfund schweres Gewicht an einen Schaft von 26 Zoll Länge hängt. Ist der Spine des Schaftes nun passend zum Bogen und zum Schützen findet die zweite Windung des Pfeiles zu genau dem Zeitpunkt statt, an dem der Schaft den Griff passiert und der Pfeil berührt den Griff nicht. Ist der Spine des Pfeiles falsch, schlägt der Pfeil am Griff an und wird nach rechts oder nach links abgelenkt.

Balance
Wie wichtig die richtige Spitze bei einem hervorragenden Schaft ist, lässt sich durch den FOC darstellen. FOC steht für „Forward Of Center“ und bezieht sich auf die „Kopflast“ des Pfeils. Der FOC-Wert für einen Pfeil gibt an, wie weit in Richtung Spitze von der Mitte des Schafts aus, das „Centre Of Gravity“ (COG), ausgedrückt in Prozent, liegt. Die Masse der Spitze hat einen entscheidenden Einfluss auf den Schwerpunkt und den Drehpunkt des Pfeils.

Der FOC wird wie folgt ermittelt. Zuerst wird die Gesamtlänge (GL) des Pfeils, von der Spitze bis zum Ende des Nocks gemessen. Nun wird der Balancepunkt (BP) ermittelt, indem ein sehr dünnes Brettchen aufrecht in die Werkbank eingespannt wird und der Pfeil (mit Befiederung und Spitze) darauf ausbalanciert wird (Stelle markieren). Nun wird der Mittelpunkt (MP), also die halbe Pfeillänge (Stelle markieren). Die Strecke zwischen dem BP und dem MP ist die Mittendifferenz (MD). Diese MD wird durch die Länge des Pfeils (GL) dividiert und dann mit 100 multipliziert. Das Resultat ist der FOC in %.

MD / GL * 100 = FOC (in %)

Um einen möglichst optimalen Pfeilflug zu gewährleisten wird allgemein ein FOC von ca. 10 -15% empfohlen, es gibt aber auch Empfehlungen von bis zu 20% bei sehr schweren Spitzen, wie z.B. für schwere Kriegsspitzen.
Ein vernünftiger FOC sorgt für ein sicheres Flugverhalten des Pfeils, da sich die stabilisierende Hebelwirkung der Befiederung auf den Drehpunkt des Pfeils verstärkend auswirkt.


Die Masse der Spitze addiert sich zum Gesamtgewicht des Pfeils, weshalb die richtige Spitze das A und O eines gut fliegenden Pfeils darstellt. Einige Pfeilbauer statten ihre Pfeilschäfte daher mit sogenannten Inserts aus. Diese sind zumeinst Metallstäbchen im Innern des Bambuschafts. Je leichter und/oder kürzer der Pfeil ist, umso leichter sollte im Verhältnis die Spitze sein. Je länger und/oder schwerer ein Pfeil ist, umso schwerer sollte die Spitze sein.

Ein Bogen mit einem Gewicht von 17/18kg wird ein Pfeil der genau in der Mitte ausbalanciert is, entsprechen. Je stärker der Bogen ist, umso mehr sollte der Balancepunkt nach vorne (in Richtung Spitze) verschoben sein (bis zu 3cm für einen 25kg Bogen). Dies wird durch den Gebrauch einer schwereren Spitze erreicht. Das Gegenteil gilt für einen schwächeren Bogen (bis zu 1cm in Richtung zum Nock für einen 10kg Bogen), hier sollte die Pfeilspitze leichter sein. Ein Pfeil mit einer schweren Spitze wird in Flug stabiler aber gleichwohl langsamer sein.

Nocken (Hazu)
Damit der Pfeil sicher auf der Sehne sitz, nicht zu fest und nicht zu locker, ist eine richtig angebrachte und verarbeitete Nocke wichtig. Wir unterscheiden zwischen verschiedenen Nock-Typen:

Tsugihazu
Dieser Nock besteht aus einem aufgesetzten und eingekerbten Bambusring. Dieser Ring wurde mit einer Lederschnur befestigt, der Kawa Hagi Hazu. Der Tsugihazu wurde im Altertum für Übungspfeile, den Mato-Ya für das Schiessen auf Scheiben und bei Sportpfeilen, den Jindo, verwendet. Heute findet man diese Art der Nocke nur noch äußerst selten.

Yohazu
Dabei handelt es sich um einen sogenannten "Self-Nock", eine Kerbe di in das Ende des Pfeils geschnitten wird. Diese Art Nocke wird bei Kriegspfeilen verwendet. Die Nocke wird direkt, ca. 8 - 10 mm hinter der letzten Nodie in den Schaft geschnitten und dann mit einer Wicklung verstärkt.

Yohazu

Itehazu
Hier wird ein Nock aus einem aufgesetzten Stück Horn (oder heute Kunststoff) in das Schaftende eingeklebt. Diese Art der Nocke ist heute am weitesten verbreitet.

Hornnocke
Plastiknocke

Nocken aus Horn (Itehazu) sind wegen ihrer Fasern am besten, sie brechen oder splittern ab wenn sie von einem anderen Pfeile getroffen werden und lenken den anderen Pfeil so ab und verhindern, dass der Schaft Schaden nimmt. Nylonnocken sind sehr elastisch, brechen aber auch leicht. Bei der Horn oder Kunststoff Nocke wird das Pfeilende im Durchmesser des Nock-Inserts aufgebohrt und die Nocke dann verklebt. Bevor sie zum ersten Mal benutzt werden können, müssen die Nocken wie in der Abbildung gezeigt geformt werden. Dafür benutzt man am besten eine konische Rundfeile mit einem Maximaldurchmesser 2,5 mm.
Wenn der Nock nicht richtig am Schaft angeglichen wird, oder von einem unsachgemäßen Torikake verschoben wird, wird die von der Sehne ausgeübte Kraft auch nicht mit dem Pfeil in einer Linie sein und er wird nicht gerade fliegen. Das innere der Nockkerbe auszuarbeiten wird helfen die falsche Ausrichtung oder den übermäßigen seitlichen Druck des Torikake zu kompensieren. Aber der wahre Grund warum die Nockkerbe ausgearbeitet werden sollte ist der, dass die Sehne in die Kerbe einschnappen sollte um den Pfeil vom herunterfallen zu bewahren.


Die Nockkerbe muss ein korrektes Nakashikake 中仕掛 (Wicklung an der Sehne) haben. Wenn der Nock zu fest auf der Sehne sitzt, wird der Pfeil nach rechts fliegen, wenn er zu locker ist, wird man nie voraussagen können, wo der Pfeil trifft, da die Sehne den Pfeil jedes mal in eine andere Richtung drückt.


Befiederung
Für Kriegspfeile wurden vorzugsweise die Federn von Raubvögeln verwendet, da diese besonders Widerstandsfähig waren. Gerne verwendete man die Federn des Adlers, des Habichts, der Weihe, der Wildgans, des Kranichs, des Raben aber auch von Hühnern. Lediglich die der Eule bzw. des Uhu wurden nicht verwendet, da dieser als "böser" Vogel galt. Praktisch dürften diese Federn jedoch zu weich gewesen sein.
Am höchsten wurden die Schwanzfedern des Adlers geschätzt, da diese besonders widerstandsfähig sind. Diese Federn werden Ishiuchi genannt.

Die "normale" Federlänge betrug zwischen 14 - 15 cm und richtete sich nach der Pfeillänge, die sich wiederum nach der Auszugslänge richtet. Bei einer Auszugslänge von 98 cm ist die Formel 1:7. Also würde hier die korrekte Länge der Federn 14 cm betragen.

Die Federn werden entweder in Form geschnitten oder in der Naturform belassen. Die Anzahl der angebrachten Federn variierte von 2, 3, 4 oder 6 Federn. Im Kyudo werden jedoch grundsätzlich 3 Federn verwendet. Die Art, Anzahl, Form und Größe der Federn bestimmt auch den Luftwiderstand der auf den Pfeil wirkt und somit die Pfeilgeschwindigkeit und die Reichweite. Die Federn wurden mit einer Wicklung am Schaft angebracht.

Federn werden nach ihrer Farbe und ihrer Zeichnung unterschieden:

Torafu: getigerte Federn.
Motoshiro: an der Wurzel weiße Federn.
Tsumaguro: schwarz gesäumte Federn.
Hoshikirifu: sternartig gefleckte Federn.
Itofu: fadenartig gezeichnete Federn.

Da Pfeilsätze mit möglichst identischer und einheitlicher Federzeichnung erwünscht waren, wurden oft Federn zusammengesetzt. Dazu wurden Teile verschiedener Federn mit Haut- bzw. Knochenleim zusammengeleimt. Beliebt waren dabei besonders:

Kiriu: Federn mit einem weißen Band in der Mitte.
Nakaguru: Federn die in der Mitte schwarz sind.
Usobyo: Federn die an der Wurzel eine Sprenkelung aufweisen.


Federn werden in linke und rechte Federn unterteilt. Rechte Federn stammen vom rechten Flügel eines Vogels und tragen im Handel den Zusatz „RW“ (engl. right wing = rechter Flügel) oder „RH“ (Rechthand; hier ist die "rechte Hand" des Vogels gemeint). Auch die Bezeichnung rechts gewundene Federn ist gebräuchlich. Linke Federn sind mit „LW“ oder „LH“ gekennzeichnet. Heutzutage werden zumeist die Schlagfedern der Vögel verwendet. Das sind die ersten 5 bis 7 großen Schwungfedern eines Flügels. Jede Feder besitzt eine sog. Öllinie. In diesem Bereich vom Federkiel bis etwa zur Mitte der Fahne befindet sich sicht- und fühlbar das meiste Fett. Schlagfedern sind dem jeweiligen Flügel leicht zuzuordnen. Mit ihrer Wölbung nach oben gehalten, besitzen sie zur Vorderkante des Flügels hin eine schmale Außenfahne. Die breite Innenfahne der Feder zeigt nach hinten. Pfeilfedern entstammen grundsätzlich dieser Innenfahne. Eine Eigenschaft von Federn ist, dass der Bauch (konvexe Seite) die Luft "schneidet", während der Rücken nachgibt.

Japanische Pfeile die mit linken Federn befiedert sind nennt man Haya. Werden zwei Pfeile geschossen, so ist der Haya immer der erste Pfeil der geschossen wird. Sind die Pfeile mit rechten Federn befiedert, so nennt man diesen Pfeil Otoya. Der Otoya ist der zweite Pfeil der geschossen wird. Haya- und Otoya-Pfeile werden sich in entgegengesetzte Richtungen drehen, weil sich Pfeile zu der Seite, die gegenüber dem Bauch der Federn liegt drehen. Der Haya dreht sich im Uhrzeigersinn und der Otoya gegen den Uhrzeigersinn. Traditionell werden im Kyudo immer zwei Pfeile, ein Haya und ein Otoya geschossen.

rechte Federn                                      linke Federn


Haya
Otoya

Man sollte immer beachten, dass ein genockter Haya-Pfeil mit dem Bauch der Federn zum Schützen zeigt, während der Otoya mit dem Rücken zum Schützen zeigen.

Bedingt durch das Archers Paradox schleift die Innenfeder (Yuzuri Ba) des Otoya weniger an der Rattanwicklung über dem Bogengriff (Yasuri To) als die Innenfeder des Haya. Dies geschieht, weil der Otoya sich im Abschuss nach außen dreht. Daher verschleißen die Innenfedern der Haya schneller als die der Otoya.

Wicklungen
Der Pfeil wird an verschiedenen Stellen umwickelt. Diese Wicklungen dienen unter Anderem der Befestigung der Federn und der Verstärkung des Nockendes und der Pfeilspitze. Die unterschiedlichen Wicklungen tragen unterschiedliche Namen:

  • Urahagi: Die obere Wicklung, ungefähr 13 mm breit, zur Befestigung des Federkiels oberhalb der Feder am Schaft.
  • Motohagi: Die untere Umwicklung, ungefähr 18 mm breit, die den Federkiel unterhalb der Feder fixiert.
  • Katsumaki: Die "Schuhumwicklung", auch Yatsukamaki genannt. Diese Umwicklung ist 30 - 50 mm breit und umgibt die Schaftspitze um sie vor dem Platzen zu bewahren.
  • Kanemaki:Eine Metallumwicklung an der Spitze des Pfeils. Sie fixiert den langen Schaft der Pfeilspitze und verhindert, dass der Pfeil beim EInbringen der Spitze platzt.
  • Netamaki:Eine wulstige, auch glockenförmige Umwicklung bei Kriegspfeilen, die den selben Zweck wie die Kanemaki verfolgt.
  • Kaburamaki:Eine ebenfalls kugelförmige Umwicklung die besonders bei den Karimate Spitzen (gegabelte Spitze) Verwendung findet.


Für die Umwicklung wurde unterschiedliche Materialien verwendet, die ebenfalls eigene Bezeichnungen tragen:

  • Itohagi: Fadenwicklung. Diese Wicklung wird mit einem farbigen Seidenfaden ausgeführt. Einige spezielle Farben waren dem hohen Adel, dem Daimyo und dem Shogun vorbehalten.
  • Kamihagi: Papierwicklung. Eine Wicklung, eher eigentlich eine Ummantelung der Fadenwicklung, die mit dünnem, sehr haltbarem Papier ausgeführt wurde.
  • Kabahagi: Rindenwicklung Diese Wicklung wurde mit der Rinde des Kirchbaumes ausgeführt und oft auch über der Fadenwicklung aufgebracht.
  • Urushihagi: Wicklung die mit Urushi-Lack überzogen wurde.

Zwischen den Federn oder zwischen den beiden Wicklungen vor der Nocke werden oft die Signaturen des Schützen angebracht. Dies hilft einen Pfeil eindeutig einem Schützen zuzuordnen. In früheren Zeiten fügten die Krieger der Signatur noch den Namen ihres Lehnsherren sowie Titel und Provinz hinzu, damit jedermann feststellen konnte wer sein Angreifer war.

Spitzen
Heutzutage werden im Kyudo nur noch einige wenige Spitzen verwendet.

Entekispitze
Kugelspitze


Makiwaraspitze

Sandspitze

Die Vielzahl der historisch verwendeten Spitzen ist ein Thema für einen eigenen ausführlichen Artikel. Die im Kriegsschiessen verwendete Spitze ist meist die scharf angeschliffene Yanone (Ya-no-ne - wörtlich Pfeilwurzel, weil die Spitze im Feind wurzeln soll) mit Weidenblattspitze (Yanagiha) oder Birkenlattspitze (Hirane). Dieses Thema wird ausführlich im Folgeartikel über die Anfertigung der Kriegspfeile behandelt werden.

Antike Yanone aus der Edo Zeit



Es folgt im zweiten Teil des Artikels der Bericht über die Anfertigung von Kriegspfeilen für das Koshiya.

Quellen:
„The Traditional Bowhunter’s Handbook“, T.J. Conrads, TBM, Inc., ISBN 0-9647096-2-7
„Bowhunting Equipment & Skills“, James, Asbell, Holt, Schuh, Creative Publishing international, Inc., ISBN 0-86573-067-9
Archers Paradoxon
"Kyudo - Der Weg des Bogens", Luigi Genzini, Verlag J.R. Ruther, ISBN 978-3-929588-15-6
"Kyudo - Die Kunst des japanischen Bogenschießens", Feliks F. Hoff, Weinmann Verlag, ISBN 3-87892-036-9
Pfeilmacher Thoralf Schuchardt
"Waffen und Schwertzierate Japans", (Die Waffen von Alt-Japan, Gustav Jacoby), Tengu-Publishing, ISBN 978-3-924862-13-8
"Alte japanische Waffen" (Pfeil und Bogen in Japan, A. Schinzinger), Tengu-Publishing, ISBN 978-3-924862-09-5


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Kommentare:

  1. Was für ein wirklich großartiger Artikel! Mehr davon!

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  2. Gut recherchiert und in Kürze alles Wesentliche. Super, thanks
    Colorado

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