Montag, 7. Februar 2011

Bericht vom "Tachi Uchi no Kurai Lehrgang (Kata mit Bokken)" in Düsseldorf

Am Wochenende 5./6. Februar 2011 wurde vom Hakushinkai Düsseldorf das jährliche " Tachi Uchi no Kurai 太刀打之位" Seminar abgehalten. Im Hakushinkai Düsseldorf e.V. wird seid 1988 Iaido gelehrt.
Unter der sachkundigen Leitung von Horst Ehrhardt Sensei und der Unterstützung von Udo Schneeweiß Sensei wurden zwei Tage lang die zehn Tachi Uchi no Kurai Katas, der Platzwechsel und die dazu notwendigen Koordinationsübungen trainiert.


Die Kumitachi Kata, zu denen auch Tachi Uchi no Kurai 太刀打之位 gehört, sind eine Sammlung von Partnerübungen. Sie dienen vor allem der Übung der Schwertbewegungen, zur Verbesserung der Koordination, des Timings und des Abstands, sie sind kein Kampftraining! Die Eindeutigkeit der Impulse und Gegenbewegungen, die Wachheit der Partner und die Genauigkeit der Bewegungen stehen bei den Übungen im Vordergrund.
Zu Beginn wird langsam geübt und nach einiger Zeit können die Abläufe dann sehr schnell werden. Das Ziel ist es, mit den Bewegungen des Partners zu "verschmelzen". Kumitachi ist ein wichtiger Bestandteil des Musō Shinden Ryū, wie auch einiger anderer alter Schulen. Konzentration, Geistesschärfe, Überwindung von Angst und das Verständnis von Distanz sind einige der Dinge, die während des Kumitachi gefördert werden, aber auch das Verständnis von Raum und Zeit und der eigenen Position innerhalb dieser Koordinaten werden ausgebildet. Das Verständnis für die eigene Mittelachse, der eigenen Position und des Timings sind ausschlaggebend für das Gewinnen eines Kampfes. Daher sollte Kumitachi auch nicht mit Anfängern geübt werden. In den einzelnen Stufen werden wie im wirklichen Kampf auch, oft verschiedene Techniken wie "Daito gegen Tachi bzw. Shoto" oder auch Jujutsu und Kenjutsu Techniken miteinander verbunden.
In den Tachi Uchi no Kurai Kata gibt es eigentlich keine Festlegung auf Lehrer (Uchidachi - 打太刀) und Schüler (Shidachi - 受太刀), da nach einigen zuvor vereinbarten Wiederholungen die "Rollen" getauscht werden und nach jeder Kata die Trainierenden entgegen dem Uhrzeigersinn jeweils einen Platz weiter nach rechts rücken. So wird gewährleistet, das nicht immer die selben Partner miteinander trainieren. Jedoch stehen die "Lehrer" (höher Graduierten) zu Beginn auf der Kamiza-Seite, weshalb die letzte Form, die eigentlich keine wirkliche Kata ist, auch "Platzwechsel" heißt. Beim "Platzwechsel" wird in einer kontrollierten Kampfform der Platz wenn nötig so gewechselt, so dass am Ende der Übung der höher graduierte wieder auf der Kamiza-Seite steht, das vermeidet am Ende der Übung unkontrolliertes herumlaufen.
Der Lehrer führt grundsätzlich immer den ersten Schlag aus und bietet aus der Überlegenheit heraus Öffnungen an und kontrolliert das Geschehen. Der Schüler führt immer den letzten Schlag aus, der ihn dann zum „Sieger“ deklariert. Der Lehrer "verliert" immer, "schenkt sich" dem Schüler. Es kommt bei den Kata aber nicht auf das „Gewinnen“ an, sondern auf eine möglichst saubere und flüssige Ausführung der Techniken. Auch hier gilt: "Übe langsam, lerne schnell. Übe schnell, lerne langsam!"
Tachi Uchi no Kurai 太刀打之位
(10 Kata stehend Daito gehen Daito)
  1. Deai 出合 erste Begegnung
  2. Tsukekomi 附込 Vorteil ziehen
  3. Ukenagashi 請流 empfangen und abfließen lassen
  4. Ukekomi 請込 empfangen und reingehen
  5. Tsukikage 月影 Mondschatten
  6. Suigetsutō 水月刀 Stich in den Solarplexus
  7. Zetsumyoken 絶妙剣 vortreffliches Schwert (unvergleichliches Schwert)
  8. Dokumyoken 独妙剣 Schwert von einzigartiger Pracht (wundersames Schwert)
  9. Shinmyoken 心明剣 das Schwert des klaren Geistes
  10. Uchikomi 打込 Kampf um das Zentrum
  11. Platzwechsel
Bevor jedoch mit den Kumitachi Formen begonnen werden kann muss das Gefühl für den Abstand und die Kontrolle des Bokken trainiert werden. Dazu werden vor jedem Kumitachi-Training einige spezielle Übungen ausgeführt.
Begonnen wird meist mit den "18 Schnitten":

Die 18 Schnitte

Das Bokken wird (im Gegensatz zum ZNKR-Iai) horizontal an der linken Seite getragen.

Der Abstand der beiden Übenden zueinander ist „Issoku itto no maai“ ("Ein-Schritt / Ein-Schwert Abstand." Das ist der Abstand, von dem aus der Gegner mit einem Schritt getroffen werden kann, oder aber mit einem Schritt seinem Schlag ausgewichen werden kann.)

Gegenseitiges Verbeugen.

Beide ziehen ihre Schwerter unter gleichzeitigem Vorgehen mit dem rechten Bein, und nehmen Chudan no Kamae (mittlere Haltung, Tsuka etwa in Bauchnabelhöhe, die Spitze (Kensen) wird auf die Kehle des Gegners gerichtet) ein. Wobei sich die Klingen im oberen Drittel kreuzen.

Der (passiv) Übende hebt das Chudan no Kamae auf, bringt sein Schwert von unten seitlich über die rechte Schulter und geht in eine Waki no Kamae ähnliche Stellung.
Der (aktiv Übende) bleibt in Chudan no Kamae.
Hidari (links) und Migi (rechts) bezieht sich immer auf die Körperseite beim passiv Übenden, also dem Partner der „geschnitten“ wird.

Bei allen Schnitten gilt, dass der aktiv Übende bei Hidari das rechte Bein vorn stehen hat und bei Migi das linke Bein.

Beim zurückgleiten „Suri Ashi (gleitender Fuß - Bewegung) bleiben die Füße im gleichen Abstand zueinander.

Wird nun aus dieser Position Migi (also rechts beim Gegner) geschnitten, kommt das linke Bein nach vorne. Nach dem Schnitt wird so zurückgeglitten, daß beiden Füße wieder im gleichen Abstand zueinander sind.

Der erste Schnitt Shomen und der letzte Tsuki werden traditionell nicht mitgezählt, weshalb es 16 Schnitte und nicht 18 sind.
  1. Shomen - Senkrechter Schnitt zu Shomen.
  2. Hidari Men - Schnitt zur rechten Schläfe.
  3. Migi Men - Schnitt zur linken Schläfe.
  4. Hidari Kubi - Schnitt zur rechten oberen Halsseite.
  5. Migi Kubi - Schnitt zur linken oberen Halsseite.
  6. Hidari Yoko Kubi - Schnitt rechte Halsseite , waagerecht durch den Hals.
  7. Migi Yoko Kubi - Schnitt linke Halsseite waagerecht durch den Hals.
  8. Hidari Kesa Giri - Schnitt durch das Kesa.
    Von oben nach unten.
  9. Migi Kesa Giri - Schnitt durch das Kesa.
    Von oben nach unten.
  10. Hidari Yoko Kesa Giri - Schnitt durch das Kesa, gleicher Schnitt von unten nach oben zurück.
    Der rechte Fuß geht vor und es wird von oben nach unten durch das Kesa geschnitten. Dann kommt der linke Fuß in Höhe des rechten Fußes (parallel) und beim zurücksetzen des rechten Fußes wird von unten nach oben durch das Kesa geschnitten.
  11. Migi Yoko Kesa Giri (Migi Kiriage) - Schnitt durch das Kesa, gleicher Schnitt von unten nach oben zurück.
    Der linke Fuß geht vor und es wird von oben nach unten, durch das Kesa geschnitten. Dann kommt der rechte Fuß in Höhe des linken Fußes (parallel) und beim zurücksetzen des linken Fußes wird von unten nach oben durch das Kesa geschnitten.
    Ab hier geht der passiv Übende in Jodan no Kamae (obere Haltung). Die Klinge wird über dem Kopf gehalten, mit ca. 40 - 50 Grad nach hinten geneigter Spitze).
  12. Hidari Kote - Schnitt linkes Handgelenk.
  13. Migi Kote - Schnitt rechtes Handgelenk.
  14. Hidari Do - Schnitt unterhalb linken der Achsel des passiv Übenden.
  15. Migi Do - Schnitt unterhalb der rechten Achsel des passiv Übenden.
  16. Hidari Suihei Do - Waagerechter Schnitt unter dem Bauchnabel hindurch beginnend an(wie bei ZNKR Sogiri) der linken Seite des passiv Übenden.
  17. Migi Suihei Do - Waagerechter Schnitt unter dem Bauchnabel hindurch beginnend an(wie bei ZNKR Sogiri) der rechten Seite des passiv Übenden.
  18. Tsuki - In den Suigetsu (Plexus Solaris) mit Kiai und sofortiger Korrektur, durch den passiv Übenden.
Beide Übende gehen in Chudan no Kamae und kreuzen die Klingen. Beide führen Yoko Chiburi aus, dann Noto und Verbeugung.


Es wurde besonderes Augenmerk auf saubere und langsame Techniken sowie auf Sicherheit gelegt. Da im "normalen Trainingsbetrieb" wöchentlich Freitags Kumitachi geübt wird, waren die meisten der Teilnehmer mit den Abläufen vertraut. Aber auch die Gäste kamen schnell in die Abläufe hinein, da immer ein "erfahrener" Schüler als Partner zur Seite stand. Bei zwei Sensei und zehn Schülern war sicher gestellt, dass auch jede Korrektur sofort angebracht und überprüft werden konnte.
Es gab immer wieder Koordinations- und Schnittübungen um das sensorische Verständnis zu verstärken.
Da hier Bokken auf Bokken trifft ist es wichtig mit diesem Widerstand umgehen zu lernen. Auch müssen beide Partner lernen sowohl mit ihren Körperkräften als auch mit dem Druck des Bokken bewusst umzugehen. Dazu gehört natürlich auch das Einhalten des korrekten Reiho.
Gerade hier im Kumitachi, wo plötzlich ein physisch präsenter "Gegner" vorhanden ist, zeigen sich die "kleinen Macken" die beim Iaido-Training nicht so auffallen. Ja, die böse schief stehende Hüfte, kippt da jemand zur Seite,nach vorne oder nach hinten, sind die Hände und/oder Arme zu nahe am Körper oder zu weit davon entfernt... Es gab viel zu beobachten, zu erfahren und zu lernen.
Den Abschluss des letzten Tages bildete dann die Vorführung der einzelnen Kata durch die Teilnehmer. Hier war dann zu erkennen, dass auch die Teilnehmer die zum ersten Mal Kumitachi trainierten sehr viel dazu gelernt hatten.
Semme und Maai werden sich im regelmäßigen Iaido-Training deutlich verändert haben. Eine Erfahrung die keiner der Teilnehmer missen mochte.


Historie
Sowohl im Muso Shinden Ryu (MSR) wie auch im Muso Jikiden Eishin Ryu (MJER) gibt es zwei Kata-Reihen die "Tachi Uchi no Kurai" und "Tsumiai no Kurai" genannt werden. Beide Reihen bestehen aus je zehn Kata. In einigen von ihnen muss sich Shidachi verteidigen, indem er zieht und blockt oder einen Gegenangriff ausführt, während sich die Gegner in anderen Kata mit gezogenen Klingen gegenüber stehen.
Es gibt zwischen den beiden Ryuha ausgeprägte Unterschiede in der Durchführung. Die MJER Formen sind älter und mehr kampforientiert, während die MSR Formen, abgesehen von einigen technischen Feinheiten, den Fokus mehr auf die mental/psychologische Seite legen. Beide unterscheiden sich sehr stark von den Kendo Kata, was nicht überrascht, wenn man ihre Wurzeln betrachtet.
Die heute praktizierten Formen sind wahrscheinlich verhältnismäßig neuen Ursprungs. Vermutlich existierten ursprünglich viel mehr Formen, die auch Ju Jutsu Bestandteile enthielten. Die beiden Kata-Reihen des MSR sind ungefähr zweihundert Jahre alt, da sie bereits im Iai des MJER auftauchen. Sie werden "Tachi Uchi no Kurai" und "Tsumiai no Kurai" genannt und mit Partnern durchgeführt. "Tachi Uchi no Kurai" ist eine Reihe von zehn Standkata und "Tsumiai no Kurai" eine Reihe von zehn Sitzkata
Von der letzten Reihe der Sitztechniken "Tsumiai no Kurai" ist bekannt, dass sie von Oe Masamichi Shikei (1852-1927), dem 6. Meister des Tanimura Ha eingeführt wurden.
Das MSR kennt schließlich noch einen Satz von zehn Kata, der unter dem Namen "Dai Ken Dori" bekannt ist. Dieser Satz besteht aus sechs Tachi gegen Tachi und vier Kodachi gegen Tachi Kata.
In der Abstammungslinie des MSR von Nakayama Sensei finden sich ebenfalls einige Kumitachi Reihen, wobei es heutzutage sehr wenige Menschen gibt die sie noch ausüben. Zu den heute noch viel seltener ausgeführten Kumitachi Kata gehören neben "Tachi Uchi no Kurai 太刀打之位 " noch: Kurai dori 位取り, Tsume iai no kurai 詰居合之位, Daishō tsume 大小詰, Daishō tachi tsume 大小立詰, Tsume no kurai 詰之位, Daiken dori 大検取.


Weiterführende Informationen:

Link zu Artikel: Kumitachi - "Tachi Uchi no Kurai" & "Tsumeai no Kurai"

Einige Seiten aus einem japanischen Qriginal zu den MSR Varianten der "Tachi Uchi no Kurai" 太刀打之位 und "Tsume no kurai" 詰之位 Kata.

Link zu Artikel: Musō Shinden Ryū mit Kumitachi Kata

Hier gibt es Links zu zwei Mitschnitten eines Einführungslehrgangs in "Tachi Uchi no Kurai", aus dem Jahre 2007. Ausführende sind auch hier: Horst Erhard und Udo Schneeweiß vom Hakushinkai Düsseldorf:


Kontakt:
Hakushinkai Düsseldorf e.V.
Frank Willems
E-Mail: frank.wi@arcor.de
Telefon: 02182 - 5785506
Webseite

Das "Tachi Uchi no Kurai" Lehrgang wird jährlich durchgeführt. Auf Wunsch und bei ausreichender Teilnehmerzahl ist auch ein weiterer Termin möglich. Dies bedarf jedoch der Absprache.



Robert, Danke für Deine Hilfe!
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