Donnerstag, 17. Februar 2011

Warum der Spruch „nicht brechen, nicht verbiegen, und gut schneiden“?

Feststellung der Zerstörungskraft und Schärfe

Eine Schneide die Knochen durchtrennt aber auch Fleisch schneidet

Ein Schneidwerkzeug mit einer spitzwinkligen Schneide ist scharf, ein stumpfer Winkel der Schneide ist aber stabiler. So bestimmt die Balance zwischen Schärfe und Stablität den Verwendungs-zweck eines Schneidwerkzeugs. Der Winkel der Schneide eines scharfen katana misst etwa 30°, der eines sog. „yanagiba-hôchô-Küchenmessers“ (柳葉包丁) um die 20°, und der eines nata-Haumessers (鉈) etwa 35°. Das yanagiba-hôchô besitzt die Schärfe um Fleisch zu durchschneiden, und ein nata die Stabilität um – wie der Name schon sagt – Holz in Stücke zu hauen. Sprich man kann mit einem yanagiba-hôchô kein Feuerholz spalten und mit einer nata kein sashimi zubereiten.
Das vom Krieger zur Rüstung getragene tachi wurde dazu verwendet, um durch einen Helm oder eine Rüstung zu schlagen. Es gab zwar wie beim modernen kenpô auch Stoßtechniken oder Techniken die Arterien zu treffen, doch Hauptziel war es wahrscheinlich, Knochen zu durchtrennen. Wenn man sich nun diesen Zweck vor Augen hält, musste – wenn wir das vorhergehende Beispiel des yanagi-hôchô und der nata heranziehen – ein gebrauchsfähiges Schwert eher wie letztere gestaltet sein, um für das durchtrennen bzw. –brechen genügend Stablität zu besitzen. Nun, eine solche Schneide ist aber nicht effektiv für den weichen, Fettgewebe enthaltenden Bereich der Bauchgegend. Hier wäre eine Schneide im Sinne eines yanagiba-hôchô besser geeignet.


Der die Stärke und Schärfe verbessernde sori

Für die Beschreibung der Charakteristika eines japanischen Schwertes wird oft der Spruch „nicht brechen, nicht verbiegen, und gut schneiden“ (orezu, magarazu, yoku-kireru, 折れず、曲がらず、よく斬れる) verwendet. Um Stabilität – sprich „nicht brechen“ und „nicht verbiegen“ – mit Schärfe, d.h. „gut schneiden“, miteinander zu vereinbaren, dafür sorgt die Krümmung der Klinge (sori, 反り). Stangenförmige Gegenstände sind in Längsrichtung stabil, aber anfällig für seitliche Belastungen. Eßstäbchen zum Beispiel kann man ganz einfach in der Mitte durchbrechen, wenn man sie verbiegt, es ist aber nahezu unmöglich, sie mit der Hand in Längsrichtung zu zerdrücken oder durch Ziehen zu zerreißen. Genauso verhält es sich beim katana: Es ist stabil bei Stößen aber anfälliger bei seitlicher Krafteinwirkung wie dem Schneiden. Durch die Krümmung eines tachi oder uchigatana behält es zwar die gleiche Schnittkraft wie ein gerades chokutô, es verringert sich aber die Aufprallkraft, da die Schneide schräg auf das Ziel auftritt (siehe Abb. 1). Doch dies ist nicht die einzige Wirkung des sori, denn er ist ebenso wichtig für den Schnitt. Bei gleicher Schnittbewegung – gekrümmtes Schwert gegenüber einem geraden chokutô – erhöht er nämlich die „Schärfe“, d.h. die Schnittwirkung (siehe Abb. 2).


Abb. 1: Der Auftreffwinkel eines geraden chokutô und eines katana mit sori:
oberes Bild: Beim senkrechten Auftreffen der Schneide eines chokutô mit
der Kraft A ergibt sich die ebenfalls senkrecht entgegenwirkende Rückstoßkraft B.
unteres Bild: Die gekrümmte Klinge trifft schräg auf das Ziel auf, und so wird
die Rückstoßkraft B – bei gleicher Ausgangskraft A – gestreut. B = b1 + b2.
Die senkrecht zur Klinge wirkende Rückstoßkraft b1 ist somit geringer als sie bei
gleicher Kraft A bei einer geraden chokutô-Klinge wäre (B).

Abb. 2: Der Winkel der Schneide und der Schneidwinkel:
weißes Dreieck: Winkel der Schneide
gelbes Dreieck: der tatsächliche, spitzere Schneidwinkel
roter Pfeil: Schnittrichtung
Hier sieht man, dass der tatsächliche Schneidwinkel beim schrägen Auftreffen auf
das Ziel kleiner ist als der Winkel der Schneide, d.h. die „Schärfe“ erhöht sich.


Mit einer Kreisbewegung „ziehend schneiden“

Wie verhält es sich nun beim tatsächlichen Schwertkampf. Bei Abb. 3 wird mit dem Schwert aus der jôdan-Position vertikal heruntergeschlagen (kiri-oroshi, 斬り下ろし), und zwar wird dabei auf den Scheitel des Gegners gezielt. Je nach Technik gibt es natürlich verschiedenste Ausführung, dies kann aber quasi als die „Grundschnittform“ bezeichnet werden. Von dem Moment an wenn die Klinge auf dem Scheitel des Gegners auftrifft bis zum Endpunkt des Hiebs, vollzieht die Klinge eine gedachte Kreisbewegung mit Mittelpunkt in der linken Schulter. Zudem wird ab dem Auftreffen mit dem idealen Auftreffpunkt 3 sun (~ 9 cm) hinter der Schwertspitze bis zum finalen Stopp des Hiebs der Ellbogen abgewinkelt, sprich der Griff wird zum Körper gezogen. Somit verkleinert sich die gedachte Kreisbewegung.
Dies wird oft als „ziehen des Schwertes während dem Schneiden“ oder „gezogener Schnitt“ bezeichnet. Doch dieser „Ziehschnitt“ soll im Idealfall nicht bewußt, sondern automatisch ausgeführt werden. Bei der erwähnten Kreisbewegung legt die Schwertspitze eine längere Distanz zurück. Man sagt dazu auch „die Spitze läuft“ (kissaki ga hashiru, 切先が走る).
Abschließend kann man also sagen, dass das katana zwar eher einen Winkel der Schneide für Aufgaben einer nata besitzt, es aber durch den sori und das „Laufen der Spitze“ die effektive Schärfe eines yanagiba-hôchô erreicht.

Abb. 3: Die Kreisbahn beim vertikalen Schnitt (kiri-oroshi, 斬り下ろし:
Beim Hieb wird die Ziehkraft a2 aufgewendet. Rechts außen als Umriss die Überkopf-
Ausgangsposition des Hiebs. Der Pfeil zeigt die Position beim Auftreffen auf das Ziel,
d.h. es wird Stampfschritt (fumikomi-ashi, 踏み込み足) mit Absenkung des Körper-
schwerpunktes ausgeführt.
Man beachte die linke Hand: Ab dem Auftreffen vollzieht sich eine Kreisbewegung
mit Mittelpunkt in der linken Schulter, und durch Anwinkeln des Ellbogens im Verlauf
des Hiebs wird der Radius dieser Kreisbewegung verringert. Diesen gesamten Ablauf
nennt man „Ziehschnitt“ oder „gezogener Schnitt“.

Mein besonderer Dank gilt Markus Sesko, der diesen Text aus dem Japanischen wie immer sehr professionell und sachkundig übersetzt hat. Markus ist Mitglied des NIHONTO - Club und Fachautor vieler interessanter Bücher zum Thema der japanischen Klingen. Siehe: Neues Buch zum Thema „japanisches Schwert"





Quelle:
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