Sonntag, 6. März 2011

Pinsel und Schwert

In den asiatischen Kampfkünsten, besonders chinesischer und japanischer Prägung, ist die unmittelbare Verbindung zwischen den Fertigkeiten mit dem Pinsel (Kalligraphie) und dem Schwert von großer Bedeutung. In dem bekannten chinesischen Film: "Hero" wird diese Verbindung sehr plastisch dargestellt. Die beiden Protagonisten und Schwertkämpfer "Zerbrochenes Schwert" (Tony Leung) und "Fliegender Schnee" (Maggie Cheung) betreiben im Land Zhao Kalligraphie. Dort gibt es neunzehn verschiedene Schriftzeichen für das Wort "Schwert", und auf Wunsch eines "Namenlosen" entwirft Zerbrochenes Schwert ein zwanzigstes Zeichen.



In seinem Buch "Pinsel und Schwert - Vom Geist der Kampfkünste" beschreibt Dave Lowry sehr sachkundig wie diese beiden Wege / Künste zusammenwirken.
"Weg des Pinsels – Weg des Schwertes: der eine gestaltet sich als ein harmonisches Zusammentreffen von Schreibgerät und Papier, der andere als ein konfliktbeladenes Zusammentreffen von Waffen. Das Ergebnis eines solchen Treffens ist in beiden Fällen unausweichlich und nicht beeinflussbar. Für den Kalligraphen wie den Krieger reduziert sich die Realität zu einer einzelnen und in ihrer Klarheit einzigartigen Begegnung."

Dieser Moment absoluter Klarheit, Ideal aller traditionellen japanischen Künste vom Bogenschießen (Kyûdô) bis zum Blumenarrangieren (Ikebana), steht im Mittelpunkt diese Buches, in dem Dave Lowry die gemeinsamen Grundprinzipien von Kalligraphie und Kampfkunst erkundet.
Mit zweiundvierzig seiner Kalligraphien und ebenso vielen Essays zeigt Dave Lowry auf, wie sich die strategischen Prinzipien des Schwertweges im Weg des Pinsels widerspiegeln.
Jede der Kalligraphien bildet ein Begriff aus den Kampfkünsten ab, zum Beispiel Dô, den Weg, oder Wa, die Harmonie. Der beigegebene Text erläutert die Konstanten und Wandlungen im Bedeutungsgehalt des Begriffs von der Entstehungszeit der Schriftzeichen über die japanische Feudal-Ära bis zur Gegenwart. So wird deutlich, dass Kalligraphie und Kampfkunst – scheinbar so unterschiedliche Gebiete – von einer gemeinsamen geistigen Grundhaltung getragen werden.

Einige Lehrer, so wie z.B. Sasaki Gensô Rōshi legen großen Wert darauf das Training des Schwertes immer mit dem des Pinsels zu kombinieren. Sasaki Gensô Rōshi studierte östliche und westliche Religionsphilosophie in Tokio. 1966 wurde er Schüler des Zen-Meisters Ômori Sôgen und begann seine Übung in Kalligraphie (Hitsuzendô) und Schwertkampf (Hôjô). 1983 bestätigte Ômori Rôshi ihn als Nachfolger. 1984 gründete Sasaki Rôshi das Dôjô 'Ryû-Un-Zendô' in Tokio. Seit 1992 lehrt er am Asahi Culture Center (Tokio). Seit 1990 kommt er regelmäßig für Sesshin nach Europa. Siehe auch: (鹿島神傳) 直心影流 – (Kashima Shinden) Jikishinkage Ryu
Aus der langen, von Meister zu Meister weitergegebenen Rinzai-Tradition heraus hat Sasaki Gensô Rôshi eine eigene Methode entwickelt. Sie umfasst Zazen, Hôjô (Zen-Weg mit dem Schwert), Hitsuzendô (Zen-Weg mit dem Pinsel) und Kôan-Schulung.

Hitsuzendô mit dem "großen" Pinsel
Grundlage der Kalligraphie bildet die chinesische Maltheorie. Die chinesische Malerei hat bereits lange vor unserer Zeitrechnung eine Maltheorie entwickelt, deren Malregeln von Xie-He im 5. Jhd. kanonisiert wurden:
  1. Das Bild muss mit Geist und Atmosphäre erfüllt sein.
  2. Die Pinsel- und Tuscheherstellung soll vollkommen sein. D.h. die intellektuelle Pinselführung und die gefühlsbetonte Tuscheverteilung auf dem Papier sind unverzichtbare Beurteilungskriterien.
  3. Naturdinge sind natürlich darzustellen (weder naturalistisch exakt noch abstrakt, unwesentliches wird weggelassen.
  4. Die Kompositionsregeln beachten. D.h. auf die Drachenadern (unsichtbare Kompositionslinien) achten, das Yin-Yang-Prinzip erhalten, Bildteile richtig eröffnen und schließen usw.
  5. Sparsame Farbgebung und richtige Verteilung im Bild.
  6. Studieren der alten Meister, deren Pinselduktus kopieren, nachvollziehen und verinnerlichen.

Diese sechs Regeln gilt es zu beherrschen. Weiterhin wurden später sechs weitere Merkmale denen ein Bild standhalten musste und sechs qualitative Ansprüche an den Maler aufgestellt.

Die Qualitätsmerkmale für das Bild lauten:
  1. In den wuchtigen Pinselstrichen soll die kraftvolle sichere Pinselführung erkennbar sein.
  2. In der deutlichen Einfachheit wird das Künstlertalent sichtbar.
  3. Trotz der Feinheit und Geschicklichkeit des Malers muss die Kraft zur Ausführung sichtbar sein.
  4. Bei aller Originalität, sogar bis zum Punkt der Exzentrizität muss das Grundgesetzt der Dinge (Natürlichkeit) eingehalten werden.
  5. Trotz Spärlichkeit der Tusche sollen Farbnuancen entstehen.
  6. Auf der Flachheit der Malebene sollen Tiefe und Raum in Erscheinung treten.

Die sechs qualitativen Ansprüche an den Maler sind:
  1. Wenn man sich nicht von allen gewöhnlichen Lebensgewohnheiten befreit, besteht keine Hoffung Kultur oder Bildung zu erhalten.
  2. Wer die Schlichtheit des Geistes aufgegeben hat sollte nicht malen.
  3. Wer den Luxus liebt sollte nicht malen.
  4. Wer dem allgemeinen Geschmack huldigt, sollte nicht malen.
  5. Wer zu niederen, schmutzigen Gedanken fähig ist, sollte nicht malen.
  6. Wer für Geld malt sollte nicht malen.

Die Künstler der alten Zeit, sowohl in China wie auch in Japan malten aus Liebhaberei und Vergnügen, jedoch niemals für Geld. Sie verschenkten ihre Bilder.

Wer für Geld malte betrieb Prostitution!


Die Verbindung zwischen Kalligraphie und Schwertkunst liegt im Bewegungsduktus begründet. Ein Meister kann anhand der "Maltechnik" Rückschlüsse auf die habituellen Defizite in den Schwertbewegungen und Abläufen erkennen. Genauso kann aber durch kalligraphische Übungen auf die jeweiligen Defizite eingewirkt werden und diese können korrigiert werden. Dies gilt natürlich auch in die andere Richtung. Gerade im Hitsuzendô, wo mit dem "großen" Pinsel gearbeitet wird, wird dieser Zusammenhang schnell deutlich. Das Training der Do-Wege ist immer ein ganzheitlicher Ansatz. Bewegung und Verhalten haben etwas mit dem Denken und der Art der Wahrnehmung zu tun. Somit sind die Malregeln, Qulaitätsmerkmale und qualitativen Ansprüche auch in allen Punkten auf den Schwertkampf, die Schwertkunst und den Schwertkämpfer/Schwertkünstler abbildbar.



Der "Guttenberg" (Quellenangabe):
Pinsel und Schwert - Vom Geist der Kampfkünste, Dave Lowry, ISBN-10: 3937745149, ISBN-13: 978-3937745145
Gerstäcker - Kreativ Kurs "Einführung in die asiatische Tuschemalerei"
Ryû-Un-Zendô
Die fernöstliche Tuschmalerei: Eine vollständige theoretische und praktische Einführung in die Techniken der traditionellen chinesischen Malerei, Wang Jia Nan, Cai Xiaoli, Dawn Young, ISBN-10: 3926651539, ISBN-13: 978-3926651532
Chinesische Kalligraphie mit Tusche und Pinsel. Klaus-Dieter Hartig, ISBN-10: 3426668297, ISBN-13: 978-3426668290
The Art of Chinese Calligraphy, Jean Long, ISBN-10: 0486417395, ISBN-13: 978-0486417394
Eri Takase Studios
Eri Takase "Learn Calligraphy"
Frankfurter Allgemeine Zeitung: Im Sog der Macht: Das chinesische Filmepos "Hero"



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