Montag, 28. Januar 2013

Materialkunde: Sehnen & Handschuh

Im Kyudo werden zumeist Sehnen aus Kevlar, Hanf-Kevlar und aus Hanf benutzt. Um die Lebensdauer der Sehnen zu erhöhen ist von Anfang an eine besondere Behandlung anzuraten. Besonders reine Hanf-Sehnen und auch die Hanf-Kevlar-Sehnen danken es einem wenn man sie regelmäßig wachst.

Hanfsehne

Hanf-Kevlar Sehne
Auch "Frosch-Sehne" genannt.

Hanfsehnen werden nach Monme 匁 eingeteilt. Monme ist eine Gewichtseinheit (für Seide), wobei 1 Momme = 10 Fun/Pun = 100 Rin = 1000 Mo = etwa 3,78 Gramm entspricht.

Tabelle zur Bestimmung der Sehnenstärke
 bei Hanfsehnen, abhängig von de Zugstärke.

Die Sehne wird ausgepackt und vorsichtig abgerollt. Niemals knicken, das gibt Sollbruchstellen!!! Dann reibe ich die Sehne über eine nicht zu scharfe Kante, ich nehme zumeist eine Türklinke, um die Sehne geschmeidiger zu machen. Dabei auch das rot umwickelte Ende nicht vergessen. Wenn man die Sehne über die volle Länge mehrmals kräftig über die Kante gezogen hat ist sie nicht mehr so steif. Die Sehne kann auch hier schon etwas vorgedehnt werden. Dazu einfach die weich geriebene Sehne mit der unteren, bereits vorhandenen Schlaufe in die Türklinke einhängen und ziehen. Ich rolle die eingehängte Sehne dabei über ein pfeildünnes Stück Bambusstab und ziehe dabei.

Nun wird die Sehne mit Sehnenwachs behandelt. Die Herstellung von Sehnenwachs wird weiter unten beschrieben. Die Sehne mehrmals großzügig mit Sehnenwachs abreiben so dass auf jeden Fall Wachs an der Sehne verbleibt. Dieses Wachs dann mit einem Stück Leder schnell und kräftig einmassieren. Durch die schnelle Bewegung entsteht Hitze und das Wachs verflüssigt sich und zieht in die Sehne ein. Das Leder wird nur bei der ersten Behandlung verwendet. Danach kommt der Sehnenreiber (Magusune) zur Anwendung.

Einige Klumpen Sehnenwachs (Harz- und Bienenwachs-Mischung)
sowie zwei Sehnenreiber. Einer aus Leder der andere traditionell
aus einer alten Sehne (Magusune).

Nun kann die Sehne aufgespannt werden. Ist die Richtige Sehnenlänge erreicht, die Sehne erneut wachsen und kräftig mit dem Sehnenreiber das Wachs einreiben. Dabei muss spürbar Wärme entstehen.

Ist die Sehnenwicklung und der Nockpunkt angebracht kann mit der Sehne geschossen werden.

Nun vor jedem Schiessen die Sehne mit dem Sehnenreiber warm reiben und nach jedem dritten oder vierten Trainingstag leicht einwachsen. Eine so behandelte Sehne hält sehr viel Länger als eine ungewachste Sehne.

Wenn dann die fertige Sehne geknotet wird gibt es zwei grundlegende Arten den Knoten zu machen.

Variante 1 (links) gibt einen sehr festen Knoten und der Durchmesser der Schlaufe wird stabil bleiben. Nachteil ist, das die Fläche die auf die Sekiita drückt sehr klein ist und die Sekiita daher beschädigen kann. Die Schlaufe kann daher auch leicht auf der Hazu verrutschen.

Variante 2 (rechts) gibt eine Schlaufe die sich leichter lösen kann und die Schlaufe kann dadurch kleiner werden. Die Fläche dieses Knoten ist jedoch größer, er liegt fester auf der Sekiita auf, rutscht nicht so schnell und beschädigt die Sekiita nicht so leicht. Dieser Knoten eignet sich besonders für Eboshi-Hazu.


Sehnenharz /Sehnenwachs クスネ Herstellung

Sehnenwachs ist speziell bei natürlichen Sehnen aus Hanf oder Hanf-Kevlar zu empfehlen und dient unter anderem als Imprägnierung gegen Feuchtigkeit aber auch zum verkleben der einzelnen Fasern untereinander.

Das Sehnenwachs für Kyudo-Sehnen besteht aus einer Mischung von Bienenwachs und Harz. Für das Bienenwachs tun es einige Weihnachtskerzen aus reinem Bienenwachs. Auf keinen Fall etwas anderes als reines Bienenwachs verwenden. Das Harz macht das Wachs dehnbar und leichter verarbeitbar, dies ist sehr praktisch, da kleine Stücke abgerissen werden können und bei Bedarf auch wieder zusammengeklebt werden können.

Fertiges Kusune クスネ im Tiegel.

Als Harz kommen verschiedene Produkte zum Einsatz: Kolophonium (Balsamharz), helle, fast weiße bis dunkelbraunrote Sorten. Ich bevorzuge die helle Sorte. Fichtenharz (oder anderes Nadelbaumharz), selbst im Wald gesammelt. Hier muss aber das Endprodukt durch ein feines Teesieb aus Metall gegossen werden um die im Harz enthaltenen Verunreinigungen auf zu fangen. Belohnt wird man mit einem sehr intensiven Geruch und einem Produkt das man selbst hergestellt hat.

In Japan unterscheidet man zwischen Sommer- und Winter-Wachs. Da im Winter normales Sehnenwachs sehr hart wird mischt man für diese Variante etwas Terpentinöl in die Wachs-Harz-Mischung. Man kann auch Sesamöl, Oliven- oder Sojaöl nehmen. Die Zugabe von Öl senkt den ph-Wert der Mischung, was bei dem hohen Säuregehalt des Harzes nützlich sein kann. In unseren Breiten ist Winterwachs eher unnötig da das "normale" Hallenschiessen in beheizten Räumen statt findet.

Für die Herstellung kommen auf 10 Teile Bienenwachs ungefähr 2 Teile Harz. Am besten wird die Mischung im Wasserbad erhitzt und gut verrührt. Bienenwachs schmilzt bei ca. 65 °C und Kolophonium bei ca. 80 - 125°C. Daher erst das Harz schmelzen und dann das Wachs dazu geben. Ist die Mischung geschmolzen und gut vermischt, in geeignete Gefäße gießen. Ich benutze kleine mit Backpapier ausgelegte Tapas-Schalen. Aber auch andere mit Alufolie ausgeschlagene Formen gehen. Es lohnt sich etwas größere Mengen herzustellen. Das gibt immer gute Geschenke für andere Kyudoka. Um Harz von den Händen zu bekommt hilft Seife allein nicht. Ein alter Holzfäller Tipp ist sich die Hände mit Butter zu waschen die wie flüssige Seife benutzt wird. Wenn das Harz gelöst ist, alles mit Seife abwaschen.


Harzgewinnung

In einigen Bildern hier die Gewinnung von Sehnenharz.




Erhitzen in einem alten Topf, nicht zu heiß damit das Harz nicht verbrennt.







Die Dämpfe des Kiefernharzes und des auch des Kolophoniums gelten als gesundheitsschädlich und können recht häufig allergische Reaktionen und Asthma auslösen sowie Ekzeme verursachen.












Nachdem das Harz flüssig ist dieses durch ein metallenes Teesieb abgießen. Am besten in eine mit Backpapier ausgelegte Tapas-Schale



Nach dem erkalten im Mörser zu feinem Pulver zermahlen.

Alternativ kann man sich auch einen Brocken gießen.



Giriko ぎり粉 - Das Pulver für den Schiesshandschuh

Giriko ist nichts anderes als gekochtes und gefiltertes Fichtenharz das nach dem erkalten zu Pulver zermalen wird.

Somit wird sowohl für Sehnenharz, Handschuhharz und Giriko der gleiche Rohstoff verwendet.



Pflege des Schiesshandschuh (Yugake)

Ein neuer Schiesshandschuh sollte vorbereitet ausgeliefert werden. Das heißt die Harakawa, das Lederteil an der Daumeninnenseite des Schiesshandschuhs, dort wo sich das Sehnenkissen (Tsuru Makura) mit der Sehnengrube (Tsuru Michi befindet, sollte mit Harz behandelt sein. Wenn dies nicht der Fall ist oder wenn nach einiger Zeit des Gebrauchs das Harz nicht mehr vorhanden ist sollte man in der Lage sein das Harz selbst auf zu tragen. Diese Behandlung mit Sehnenharz (kuresune/kusune クスネ) dient dem Schutz der Sehnengrube, erhöht die Lebensdauer des Handschuhs und die Schiessgenauigkeit. Man sollte aber nicht das japanische Sehnenharz aus der Tube benutzen, welches mit Öl gemischt ist und zu dünnflüssig ist. Am besten nimmt man das feste im Stück erhältliche Harz oder man macht sich selbst welches.

Den Yugake mit Harz behandeln

Ein Klumpen reines Harz

Mein Dank geht an Nicolai Sichlau, dem Vorsitzenden des Dansk Kyudo Forbund der diese hervorragende Anleitung verfasst hat.

Man sollte kein fertiges Sehnenharz aus der Tube oder dem Töpfchen (Tiegel) verwenden sondern nur unbehandeltes HArz als Brocken. Der einzige Unterschied zwischen dem unbehandelten Harzbrochen und dem Kuresune ist der, das Sehnenharz erhitzt und mit Öl vermischt wurde und daher weicher ist.

Man braucht für diese Arbeit eine Hitzequelle (Spiritusbrenner, Gasbrenner, notfalls eine Kerze), einen alten Esslöffel, ein Buttermesser und einen Klumpen unbehandeltes Harz (Kuresune). Das Harz wird sich von dem Löffel und dem Messer nur sehr schwer wieder lösen lassen.

Zuerst bricht man einen kleinen Brocken Harz ab (das Harz ist leicht zu brechen). Man braucht für einen Handschuh nicht mehr als ein erbsengroßes Stück.

Dieses Stück Harz wird in dem Löffel über der Flamme erhitzt.

Neuer, unbehandelter Yugake

Das Harz schmelzen

Das Harz auftragen

Wenn das Harz geschmolzen ist sollte das Messer erhitzt werden. Wird das Messer nicht erhitz wird das Harz ganz einfach an dem Messer festkleben. Benutzt man eine Kerze sollte man das Messer immer wieder abwischen und von Ruß befreien da sonst der Handschuh ruiniert wird. Also besser keine rußende Flamme verwenden. Nun wird etwas von dem flüssigen Harz auf die Mitte der Harakawa, etwas über der Tsuru Makura aufgetragen und mit dem warmen Messer in eine Halbmondform ausgearbeitet die an der Tsuru Makura beginnt. Auf keinen Fall zu viel Harz auf einmal aufbringen, das Harz kann den Handschuh schnell dauerhaft verunreinigen. Am besten arbeitet man langsam und in kleinen Schritten.

Wenn das Harz aufgebracht wurde wird es zuerst glänzen ausschauen, wie ein Bonbon oder ein Karamellüberzug. Wenn man jedoch das warme Messer flach ansetzt und das Harz in das Leder einarbeitet und ausformt wird das Harz vom Leder aufgesogen und matt werden.

Das erste Ausformen

Das Harz ist eingezogen


Wenn man mit der Form zufrieden ist wird das Harz mit dem Messer in das Leder eingearbeitet bis dieses aufgesogen ist. Dazu das Messer öfter erhitzen. Wenn man hier pfuscht wird das Harz beim ersten Schuss ganz einfach abfallen. Wenn das Harz beginnt matt zu werden und in das Leder eingesogen ist hat man es geschafft.

Das Harz wird eingearbeitet damit der Handschuh, speziell der Bereich des Sehnenkissens und der Sehnengrube geschützt werden und nicht so schnell verschleißen.



Quellen: 
København Kyudojo Seishinkan, Kyudo i København – Traditionel japansk bueskydning 
Granjow.net
Bogenbau Wiki
Und natürlich Wikipedia.




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Sonntag, 27. Januar 2013

Bauanleitung für den weichen Handschuh für das Kazuya / Koshiya

Ich hatte bereits in einem früheren Artikel über den weichen Handschuh gesprochen (Kazuya mae & Teki(yo) mae). Hier ist nun eine Erweiterung notwendig, da der dort gezeigte und besprochene weiche Handschuh, der "Wabo" oder auch "Waboshi" ist eher für das Mato-Schießen, besonders für das Enteki-Schießen geeignet. Ken Kurosu Sensei benutzt ebenfalls verschiedene weiche Handschuhe je nach Schießart. Siehe seinen Blog Eintrag hier und hier).


Für das Kazuya / Koshiya wird ein Handschuh verwendet der eher wie ein ganz normaler Lederhandschuh wirkt. Die einzige Verstärkung ist in der Daumengrube ein kleiner Lederflicken, dort wo die Sehne anliegt. Da die Sehne bei diesen Schießarten nicht so weit hinten liegt wie beim "normalen" Kyudo, sondern weiter vorne wie beim Schießen mit einem Daumenring, liegt auch dieser Flicken weiter vorne.


Solche Handschuhe zu kaufen ist recht schwer wenn nicht unmöglich für jemanden der kein Japanisch spricht oder die richtigen Kontakte hat. Daher ist selber machen die Lösung. Unsere Italienischen Freunde die "Makkaroni Samuarai"  haben ihre Ausrüstung ebenfalls selbst hergestellt und haben mich, wie auch unsere Ungarischen Freunde mit Rat und Tat unterstützt. Weitere Unterstützung kam durch Ratschläge von Ken Kurosu und Makinori Matsuo.








Um einen solchen weichen Handschuh herzustellen muss leider ein Unterhandschuh aus Stoff geopfert werden der als Vorlage für das Schnittmuster dient. Den aufgetrennten Unterhandschuh an den Nähten auftrennen, bügeln und dann auf ein Stück Papier legen das deutlich größer ist als der aufgetrennte Handschuh.



Auf der Abbildung ist deutlich zu sehen, das die Form der Schablone für den Lederzuschnitt am Armstück andere Dimensionen aufweist als der Unterhandschuh. Die Stulpe des weichen Schießhandschuhs sollte viel höher den Arm hinauf reichen und auch weite rum den Arm herum gehen. Auf alten Bildern von Inagaki sensei sieht man, das er auch einen sehr hoch reichenden Handschuh benutzte.
Wenn man eine Schablone erstellt hat die einem zusagt ist es eine gute Idee zuerst einen Probehandschuh zu nähen. Ich habe mir dazu ein nagelneues Fensterleder aus Ziegenhaut bei ebay bestellt und zuerst aus diesem Leder einen Probehandschuh genäht um ein Gefühl für die Form und die Dimensionen zu bekommen. So ein Fensterleder kostet etwa EUR 10,- und ist sein Geld wert. Eine 2-dimensionale Vorlage gibt später im genähten Zustand eine doch andere 3-dimensionale Form.




Wenn man dann seine endgültige Form und das Schnittmuster erarbeitet hat geht es an den Zuschnitt des Leders.

Ich habe mir ebenfalls bei ebay eine Hirschlederhaut, sämisch gegerbt, in der Größe 130 cm x 70 cm, Stärke 1,0 - 1,4 mm gekauft. Daraus kann man locker drei Handschuhe machen. Das Leder sollte aber nicht dünner als 1.2 mm sein. Meine Haut kostete mich EUR 70,-


Eine gute Idee ist es, die Nähte vor dem Vernähen mit Lederkleber zusammen zu kleben. Das Leder lässt sich dann einfacher nähen. Eine gute Nähmaschine mit Ledernadeln und wenn man das Geld ausgeben will, einem Nähfuß mit Spezialbeschichtung damit er besser rutscht (geht aber auch ohne) ist das Werkzeug der Wahl.





Wenn die Form vernäht ist müssen die Applikationen angebracht werden. Zuerst das Band, welches so lang sein sollte, das es um den Daumen und mindestens zweimal um das Handgelenk gewickelt werden kann. Eine Führung für das Band ist eine Variante (die ich gewählt habe) oder ein Schlitz um das Band frühzeitig heraus zu führen (die italienische Variante). Dann noch die Verstärkung durch das Lederflicken in der Daumengrube anbringen (das ist Handarbeit) und der Handschuh ist fertig. Leichte Formveränderungen an der Stulpe lassen sich nun noch im Zuschnitt mit der Schere vornehmen. Ein kleiner Abnäher in Höhe des Mittelfingers unterstützt die Form deutlich.










Aufwand ohne Gedankenschmalz und Planung etwa 3-4 Stunden entspanntes arbeiten. Es lässt sich so natürlich auch ein vier oder fünf Finger Handschuh herstellen.

Besonders auf die Schnürung sollte geachtet werden.

Grazie per il disegno Carlo!!
Für die Sicherheitsfanatiker noch ein Hinweis: Das Kazuya mae (Schnell und viel schießen), das im Hekikiza geschossen wird ist eine unbedenkliche Schießart. Hier werden eigentlich stumpfe Spitzen benutz, sogenannte Blunts. Es kann aber auch mit normalen Mato-Spitzen geschossen werden. Es besteht keine Gefahr für den Pfeilfänger oder das Fangnetz.
Man sollte nie vergessen, das Kazuya und Koshiya im Mokuroku behandelt werden zu den fünf Gosha gehören und geübt werden sollten. In anderen (auch europäischen) Ländern werden diese "exotischen" Schießarten auch fleißig geübt. Hervorgetan haben sich hier Italien, Ungarn, aber auch Amerika und natürlich Japan.

Die fünf Gosha sind:
  • Makiwara mae: Schießen auf eine Strohrolle (Makiwara) in etwa 2 m Entfernung. 
  • Mato mae: Schießen auf der Standarddistanz von 28m bzw. 60 m (Enteki).
  • Teki mae: Kriegsschiessen .
  • Kazuya mae: Viel und schnell schießen (ca. 10 Pfeile pro Minute).
  • Toshi ya mae: Weitschießen.





Copyright einiger der Bilder und der Zeichnung u.a. bei Carlo Brogghi, Italien.
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