Donnerstag, 12. September 2013

Die Kampfkunst der Bergkobolde (Tengu)

Anlässlich der offenen Österreichischen Kyudo Meisterschaft im Juni in Wien erwähnte Sven Zimmermann das Büchlein "Zen und Schwert in der Kunst des Kampfes - Tengu geijutsuron (Die Kampfkunst der Bergkobolde) und Neko no myojutsu (Die wunderbare Technik der Katze)" von Issai Chozan.
Ich hatte dieses kleine Werk schon fast vergessen und habe es mir auf Svens Rat wieder einmal durchgelesen.


Eine Passage auf den Seiten 13 - 15 fand ich besonders interessant:
Ein weiterer Kobold sprach: "Mit einem Schwert schlägt man, mit einem Speer sticht man. Schlagen und Stechen kennen ihre jeweils eigenen Techniken. Beherrscht man die Techniken nicht, kann man nicht angemessen reagieren. Selbst wenn der Geist stark ist, darf man die Form nicht vernachlässigen, sonst trifft man dort, wo man gar nichts bewirken kann. Darum heißt es: "Wähle etwas aus, und schon glänzt es nicht mehr; rede darüber, schon macht es keinen Sinn mehr." Man würde doch auch einen erleuchteten Zen-Mönch nicht zum General machen und ihm die Staatsführung anvertrauen, nur weil sein Geist frei von Unreinheit, Sorgen und Täuschungen ist; so lange seine Technik noch nicht ausgereift ist, könnte er sich doch kein Verdienst erwerben.
Jeder weiß, wie man einen Bogen spannt und einen Pfeil abschießt. Doch wenn man nicht fest auf dem Weg des Bogenschießens steht, wird die Technik nicht ausreichen. Dann wird der Bogen nur willkürlich gespannt und der Pfeil wird ohne Durchschlagskraft sein und meist das Ziel verfehlen. Absicht und Form müssen aber genau sein und das ki den ganzen Körper durchströmen und beleben. Der Eigenheit eines Bogens darf man nicht entgegenstehen, sondern muss mit ihr eins werden. Beim Spannen des Bogens stelle man sich vor, dass der eigene Geist Himmel und, Erde sowie die Leere bis hin zum Ziel erfüllt; wenn keine Gedanken sich mehr regen, entlässt man aus diesem Nicht-Geist den Pfeil. Danach ist man sich selbst noch näher. Nachdem man das Ziel getroffen hat, legt man den Bogen gelassen zur Seite. So verläuft die Übung auf dem Weg des Bogenschießens. So kann man seinen Pfeil weit und mit großer Durchschlagskraft fliegen lassen. Bogen und Pfeil bestehen zwar aus Holz und Bambus, doch wenn man mit ihnen eins wird, sind auch sie vom Geist und dessen Mysterium durchdrungen.
Dies erreicht man nicht mittels reiner Klugheit. Man kann dieses Prinzip zwar vorab studieren, doch wenn man es nicht wirklich mit dem Geist durchdrungen hat und wenn die Technik unreif ist und noch nicht genügend geübt wurde, dann dringt man nicht in jenes Mysterium ein. Wenn innere Absicht und äußere Haltung nicht stimmen, ist der Zusammenhalt von Sehnen und Knochen nicht gewährleistet. Und wenn das ki nicht den ganzen Körper ausfüllt, wird man den Bogen nicht lange kraftvoll spannen können. Ein kraftloses ki und ein unruhiger Geist verleiten dazu, sich auf die eigene Klugheit zu verlassen, was nicht dem Weg des Bogenschießens entspricht. Verwendet man reine Kraft, um die Bogensehne zu kontrollieren, verletzt man die Eigenheit des Bogens und kann nicht mit ihm eins werden. Man selbst und der Bogen sollen sich vielmehr gegenseitig durchdringen, sonst kann der Pfeil nicht weit fliegen und wird keine Durchschlagskraft besitzen."


Ich glaube jeder weitere Kommentar zu diesem Text erübrigt sich. Viel Spaß beim Lesen und nachdenken und vor allem beim Üben!

Quelle:








Zen und Schwert in der Kunst des Kampfes
"Tengu geijutsuron (Die Kampfkunst der Bergkobolde) und Neko no myojutsu (Die wunderbare Technik der Katze)"
Autor: Issai Chozan
Broschiert: 80 Seiten
Verlag: Angkor; Januar 2007
ISBN-10: 3936018472
ISBN-13: 978-3936018479
Preis: EUR 9,90