Freitag, 13. Februar 2015

Zielen - Futametsukai (二目使い)


FUTAME TSUKAI:  二目使い (Futa - me - tsukai : beide - Augen - benutzen).

Vogeljagd
Im KYUDO wird sehr viel Wert auf das korrekte Zielen gelegt. Ja ein Pfeil der nicht mit der korrekten Zieltechnik abgeschossen wurde und das Ziel trifft wird im Wettkampf nicht als korrekter Treffer gewertet. Nun ist KYUDO wie es heute geübt wird eine deutlich andere "Kunst" als das was in den alten Zeiten vom Samurai auf dem Schlachtfeld praktiziert wurde oder vom japanischen Bogenjäger in Wald und Flur praktiziert wurde. Der KYUDOKA steht lange im vollen Auszug, steigert seine Energie und zielt bewusst um sein Ziel zu treffen. Der Anspruch ist der einer "Kunst" die zur Persönlichkeitsbildung führt wie es in den DO-Künsten üblich ist.

Eine ganz andere Sache ist aber das Schießen im Kampf oder auf der Jagd (ich meine hier die Pirschjagd, nicht die Hinrichtung von Tieren aus einem sicheren Hochsitz!). In diesen Situationen ist ein Zielen wie im geschützten DOJO nicht möglich und führt sicher auch eher zum schnellen Ableben des Schützen.

Wie also zielten diese "alten Japaner" beim Bogenschiessen?

In seinem Buch "Kyudo – Der Weg des Bogens, Die Kunst des traditionellen Japanischen Bogenschießens" schreibt Luigi Genzini:
Es ist nicht möglich diese Ebene zu erreichen, ohne zuvor die Technik des Zielens erlernt zu haben. FUTAMETSUKAI (FUTAMEZKAI) bedeutet, das Ziel nur durch hinschauen zu treffen, ohne zu zielen. Jede Hand führt seine Aufgabe so aus, wie sie es sollte und der Pfeil wird das Zentrum treffen. Man muss höher gehen, um das Zentrum nur durch hinschauen zum MATO (FUTAMETSUKAI) zu treffen. Es muss ein gutes NOBIAI vorhanden sein, also ein gutes arbeiten des Geistes. Nicht Zielen
Um MU zu erreichen, müssen Sie in der Lage sein das Zentrum mit NOBIAI zu treffen, nur indem sie zum Ziel schauen, ohne zu zielen.Der Weg ist sehr schwierig, und FUTAMETSUKAI ist nicht MU.
  • Die Ausdehnung des Geistes kann nicht stattfinden, wenn die linke und die rechte Hand ihre Aufgaben nicht korrekt erfüllen.
  • Der rechte Geist ist mit TENOUCHI und NOBAI verbunden.
  • Wir müssen einmal das Ziel anschauen, wenn wir zweimal hinschauen, beschneiden wir unseren Geist.
  • Der Geist wird erst dann kommen, nachdem wir die Technik und das Zielen so gut beherrschen, dass wir fähig sind, sie vollständig zu vergessen.

Luigi hat viele Jahre mit Inagaki Sensei trainiert und lange mit ihm in Japan und Italien zusammen gelebt. Es ist interessant zu erwähnen, das der Begriff " FUTAMETSUKAI " nirgendwo anders in der außerjapanischen KYUDO-Literatur vorkommt.

In einem Gespräch mit Gavino Fenu erwähnte Luigi einmal:
"Du weißt, das ich über viele Jahre die Möglichkeit hatte mit Inagaki Sensei persönlich zu trainieren. In einer dieser gemeinsamen Trainingseinheiten im Waseda DOJO erzählte Inagaki Sensei das er einmal, bevor er mit Onuma Sensei und einem anderen Sensei der damaligen Renmei (er hatte den Namen vergessen) zum Mittagessen ging, er einen westlichen Compound-Bogen geschenkt bekam.
Inagaki Sensei befragte daraufhin Luigi, von dem er wusste, das er sowohl westliches Bogenschiessen als auch die Bogenjagd ausübte, über das westliche Bogenschiesse. Der Compund-Bogen den er geschenkt bekam hatte ein Visir, daher fragte er Luigi ob er mit dem Visir geschossen habe.Luigi antwortete: "Natürlich nicht!" Ingakai sagte daraufhin: "Du hast also FUTAMETSUKAI gemacht!" Luigi war überrascht, denn er hatte diesen Begriff zuvor nie gehört und er bat um dessen Erklärung.Inagaki erklärte daraufhin, das FUTAMETSUKAI das natürliche Zielen mit beiden Augen sei, bei dem der Schütze lediglich auf das Ziel schaut ohne eine Zieltechnik anzuwenden.Luigi, neugierig geworden, fragte daraufhin: "Wie kann man diese Technik erlernen?"Inagaki antwortete: "Nur durch korrektes Schiessen und die Anwendung der korrekten Zieltechnik über eine lange Zeit und viele Pfeile hinweg, führt einen schrittweise zum natürlichen Zielen und somit zum FUTAMETSUKAI. Übe einfach weiter korrektes Schießen."
Jedem der Erfahrung im sogenannten "traditionellen Bogenschießen" bzw. dem "instinktiven Bogenschießen" hat kommt diese Erklärung bekannt vor.

Die Begriffe traditionelles Bogenschießen und instinktives Bogenschießen werden häufig synonym gebraucht und bezeichnen das Bogenschießen ohne Bogenvisiere oder andere technische Zusatzausstattung am Bogen. Die Bezeichnung "traditionelles Bogenschießen" bezieht sich auf die Bauweise von Pfeil und Bogen, die sich häufig an historische Vorbilder anlehnt. Es werden dabei auch Zielhilfen wie das STRINGWALKING oder FACEWALKING angewendet. Dagegen bezieht sich die Bezeichnung "instinktives Bogenschießen" auf die instinktive Schießtechnik und oft sind auf Bogenturnieren, auf denen "instinktiv" geschossen wird, sogar Schießtechniken wie das STRINGWALKING oder FACEWALKING  nicht erlaubt. Andererseits kann auch mit technisch hoch entwickelten modernen Bögen, wie dem Compound-Bogen, instinktiv geschossen werden.
Während das bekanntere Sportbogenschießen nach den Regeln der FITA, wie es bei den Olympische Spielen ausgeübt wird, relativ eng reglementiert und standardisiert ist, gibt es im traditionellen Bogenschießen eine große Vielfalt an unterschiedlichen Bauarten der Bögen, Pfeile und Sehnen und an Ausübungsvarianten. Diese Form des Bogenschießens hat in den letzten Jahren zunehmend an Popularität gewonnen.

Instinktives Schießen
Es wird auf bewusstes Zielen unter Hilfestellung (etwa der Pfeilspitze) verzichtet. Der Pfeil und der Bogen werden nur durch Erfahrungswerte, welche durch Training im Unterbewusstsein gespeichert wurden, aufs Ziel gerichtet. Die Konzentration des Schützen liegt dabei auf einem möglichst kleinen Punkt im Ziel, den man treffen möchte. Diese Art des Schießens wird gerne mit dem Werfen eines Steins verglichen, bei dem man ja auch nicht wirklich zielt, sondern nach der eigenen Intuition die Richtung des Steines bestimmt.

Vorteile:
  • Möglichkeit, bewegliche Ziele zu treffen
  • Schnellere Schussabfolge
  • Entfernung zum Ziel muss nicht bekannt sein
  • Schießen in der Dämmerung ist möglich
  • Eine Kreuzdominanz (z.B. Rechtshänder mit Augendominanz des linken Auges) ist ohne Auswirkung auf den Schützen

Nachteile:
  • Schnelle Erfolge sind nicht möglich, ein langes Training ist erforderlich


Beim “Instinktiven Schießen“ benutzt der Bogenschütze lediglich seine Hand-Auge-Körper Koordination und sein unterbewusstes Gedächtnis um seinen Pfeil ins Ziel zu lenken. Mit anderen Worten, der Schütze schießt seinen Pfeil auf den Punkt, den er konzentriert anschaut, ohne dabei die Entfernung zu diesem Punkt bewusst zu schätzen und ohne dabei Hilfsmittel wie ein Visier oder Referenzpunkte zu benutzen.

Im Fazit ist also das FUTAMETSUKAI nichts anderes als die durch langes und korrektes trainieren der korrekten Ziel- und Schiesstechnik erworbene Fertigkeit der Hand-Auge-Körper Koordination und des unterbewusstes Gedächtnisses um seinen Pfeil in dass Ziel zu lenken.

Wie wichtig diese Fertigkeit in bestimmten Situationen war (und sicher auch immer noch ist) mag die Diskussion des Begriffs AIBIKI zeigen, der in der HEKI Schule ebenfalls von großer Bedeutung ist.


AIBIKI 相引
Es wird berichtet das Inagaki Sensei sich in seiner Jugend in den Wäldern der Situation des AIBIKI gestellt hat. Bei der Jagd mit Pfeil und Bogen, in der Wildnis, bei der Begegnung mit Bär und Wildschwein findet man die Erfahrung des "AIBIKI", des plötzlichen Gegenüber mit dem Tod (Feindberührung).
AIBIKI ist die Situation auf Leben und Tod, deren Bewältigung ohne Angst ist die Wurzel des BUDO.

Das "AIBIKI NO OSHIE" ist die "Lehre des aufeinander Schiessens", des "gegeneinander Spannens", des "Krümmen des Bogens".

Dieses Konzept wird auch im 7. der HIKA Gedichte der HEKI Schule beschrieben:

7. IN ALLEN SITUATIONEN FLIESSEND SCHIESSEN

MONOAI NO
HAYAKI ITE TO WA
NANI O IU
KOKORO SHIZUMARU
HITO O IU NARI

Einen Schützen,
der ohne Zögern schießt.
Wie nennt man ihn?
Wir sagen,
ein Mensch mit ruhigem Herzen.

Das bedeutet, wenn zwei Schützen aufeinander zielen, so wird der sicherere Schütze, derjenige mit dem schnelleren Abschuss, eine größere Überlebenschance haben bzw. gewinnen.
Der Schütze lässt sich durch nichts ablenken. Er kann seine präzise Technik entfalten und besitzt eine starke psychische Kraft.
Für die Situation in der Schlacht benutzt man das Bild "Eine Brücke überqueren". Wenn der Schütze den Bogen spannt. ist es. als würde er eine schmale Brücke überqueren, die sich in 100 Meter Höhe über einem Tal erstreckt. Würde sein Herz mit dem im Tal fließenden Wasser "wegschwimmen", d.h., wenn man das unter ihm fließende Wasser und die große Höhe Furcht erzeugen würden, würde er sofort abstürzen. Sein Herz darf sich nicht ablenken lassen.

Erklärung HIKA 7, aus: "Kyûdô - Lehre der Heki Ryû Insai Ha" von Manfred Speidel:
MONOAI heißt "bestimmt", "sicher", "ohne Zögern". Ein Schütze muss so üben, als sei er auf der Hut. Wenn er auf einen Feind stößt, muss er ohne zögern Schlag auf Schlag handeln und schießen können, oder auf der Jagd Schüsse schnell aufeinander folgen lassen. Er muss fließend, ohne nachlässig zu sein , den Bogen ziehen und abschießen können.Ein solcher Schütze ist ein Mensch mit ruhigem Herzen. "Ruhiges Herz" bedeutet, das es ihm in einer problematischen Situation gelingt, Geist und Körper zu kontrollieren. Auch beim Wettkampf kann eine solche Situation eintreten. Nervosität und Angst muss man lernen zu überwinden. Und umgekehrt, um die Nervosität zu beherrschen, darf man beim normalen Training nicht einfach drauflos schießen, sondern soll die Kontrolle über das eigene Bewusstsein üben.
Anmerkung von Ken Kurosu:
Voraussetzung ist, viele Jahre geübt zu haben, um dann vor dem Gegner nicht zurückzuschrecken.
Ein Angsthase hat kein Recht einen Bogen zu halten, egal wie gut er als Schütze sein mag. Ein ängstlicher Schütze "beschmutzt" den Bogen.
Mit dem Üben des Bogens muss auch das Herz stark werden.




Quellen:
"Kyûdô - Lehre der Heki Ryû Insai Ha" von Manfred Speidel.
"Kyudo – Der Weg des Bogens, Die Kunst des traditionellen Japanischen Bogenschießens" von Luigi Genzini.
Zanshin, Das deutsche Kyudo Magazin, Ausgabe: 1/2011
Wikipedia
Zitate aus Texten von: R. Blacky Schwarz
Farbbilder: Jagdszene von Toyohara Chikanobu, 1897, Tokyo Metro Library.





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