Mittwoch, 14. Oktober 2015

Die Geschichte der Gummizwille - Gomu Yumi

Jeder, der sich beginnt für Kyudo zu interessieren, wird seit Jahrzehnten an der Gummizwille gequält. Noch vor nicht allzu langer Zeit und teilweise auch noch heute müssen Anfänger ihr "Durchhaltevermögen" dadurch beweisen, daß sie über Monate an der Gummizwille üben müssen, während um sie herum die anderen Übenden mit dem japanischen Bogen trainieren. Einige Trainer sind der Meinung, daß so die "Spreu vom Weizen" getrennt wird, da diejenigen die dies durchhalten, dann auch beim Kyudo bleiben. Nun ja, Sportdidaktik geht meiner Meinung nach anders, Motivation wird so auf jeden Fall nicht gefördert. Ich mag gar nicht daran denken, wie viele Talente aus diesem Grund der Kyudowelt verloren gegangen sind, weil die Interessierten keine Lust auf stupiden Drill und unkreatives Training hatten.

Eine Auswahl an Gomuyumi

Der Gomuyumi

Eine andere Bauart Gomuyumi

In den "alten Tagen" des Kyudo begann jeder Neuling sein Training an einem richtigen Bambusbogen, niemand wäre auf eine andere Idee gekommen. Die Einführung der Gummizwille ist eine recht neue Erscheinung. Nach dem 2. Weltkrieg war Übungsmaterial Mangelware und nicht für jeden Anfänger standen Bögen zur Verfügung. Die Entbehrungen der Nachkriegszeit haben teilweise sonderbare Blüten zu Tage gebracht. Auch die Variante der Heki Ryu Insai Ha, keine Tabi zu tragen und barfuss zu schießen, dürften auf diese Zeit des Mangels zurück zu führen sein. Inagai Genshiro hat damals einfach die Not zur Tugend gemacht. Es gab keine oder kaum Tabi, nur wenige konnten sich diesen Luxus leisten, also wurde einfach barfuss geschossen. Erkennbar ist das unter anderem auch daran das Bilder aus dieser Zeit die Kyudoka in Alltagskleidung bzw. einfacher Sportkleidung beim schiessen zeigen.

Aus dieser Not geboren lies sich am 26. Dezember 1952 Kōsaka Iwakyo, der Gründer der Firma Kōsaka Gummi (高坂ゴム店) die "Gummizwille" unter der Registriernummer "Akira 27-11.240" als Gebrauchsmuster eintragen. Kōsaka Iwakyo war ein begeisterter Bogenschütze und wollte den Mangel an Übungsgerät durch seine Erfindung beheben. Man muss sich vor Augen führen, daß zu dieser Zeit auch noch keine japanischen Bögen aus Fiberglas existierten und wenn sie existiert hätten auch diese zu teuer gewesen wären. Wir befanden uns in der Nachkriegszeit.

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Kopie der Urkunde mit der das Gebrauchsmuster geschützt wurde.
Oben links sieht man Kōsaka Iwakyo.
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Dieser Erfindung haben wir es zu verdanken, daß heute noch die meisten Anfänger mit dem Gomuyumi beginnen. Zum Glück gibt es aber auch Vereine, in denen die Anfänger sofort an den Bogen gelassen werden und dort entweder mit der "Heki-Unterrichtsmethodik" von Prof. Toshio Mori (Link zum PDF Dokument) oder auch gleich mit einem japanischen Schiesshandschuh - wie in alten Zeiten - im Kyudo unterrichtet werden. Diese Methoden des Anfängertrainings sind zugegebenermaßen für den oder die Trainer sehr fordernd und erfordern viel Aufmerksamkeit.

Ein Anfänger, der gleich am Bogen unterrichtet wird, verliert keine kostbare Zeit und erfährt sofort, wie die Dynamik des japanischen Bogens und das Verhalten des japanischen Schießhandschuh zusammen spielen.

Interessanterweise wurde das Thema Gomuyumi beim "3. Asia Oceania Kyudo Seminar" im Jahr 2014 in Nagoya von Usami-sensei thematisiert:
Uami-sensei bemerkte, dass "um wirklich Fortschritte zu erzielen man pro Monat mindestens 1.000 Pfeile schießen sollte, also zwischen 30-35 pro Tag. Dies ist notwendig, um zum einen die Muskeln aufzubauen und eine die Muskelerinnerung aufzubauen, damit diese wissen, was sie tun sollen." Nun, für einen Hanshi, der sein Leben dem Kyudo gewidmet hat, mag diese Aussage so stimmen. Aber der "normale" Mensch, der in Familie und Berufsleben verhaftet ist, kommt eher selten dazu, diese Schussfrequenz durchzuhalten. Also was tun?

Sensei sagte, daß man aber auch üben kann, wenn man nicht im Dojo ist. Dazu fragte er, wie viele von uns einen Gomuyumi hätten. Es stellte sich heraus, daß viele der Anwesenden einen besaßen, doch nur wenige ihn benutzten. Sensei erläuterte dann, daß auch die "Pfeile" zum Training zählten, die mit dem Gomuyumi abgeschossen werden. Damit können diejenigen, die nicht jeden Tag in den Dojo gehen können, trotzdem ihre 30-35 Pfeile pro Tag schießen . Jedoch, so betonte er, muss man den Gomuyumi auch auf die richtige Art und Weise einsetzen.
Dies führte zu einer interessanten Diskussion, was denn "die richtige Art und Weise" sei. Er hielt einen einfachen Gomuyumi hoch, "schoss" einmal damit und sagte "「これはだめ」" "Das ist nicht gut." Der Grund dafür ist, daß es gerade Anfängern zwar erlaubt, die Hassetsu zu üben, aber auch dafür sorgt, daß der Anfänger den Bogen viel zu fest greift. Ein folgenschwerer Fehler. Was es so folgenschwer macht, ist die Tatsache das Gewohnheiten sich schnell einschleifen und wenn sich eine schlechte Gewohnheit im Kyudo erst einmal eingeschliffen hat, man Jahrzehnte des Übens bedarf, um diese wieder los zu werden. Daher ist der Gomuyumi gerade für Anfänger schädlich. Aus diesem Grund hat er den Gomuyumi als Trainingsgerät aus seinem Dojo verbannt. "Es ist ausschließlich für fortgeschrittene Schüler geeignet, die auf Reisen im Hotel üben wollen."
Er ging dann sogar so weit, anzudeuten, das der Grund, warum viele Schützen heutzutage nicht schneller vorankommen, darin begründet ist, daß sie sich schlechte Angewohnheiten zu eigen gemacht haben, an denen sie dann Jahre arbeiten, um sie wieder los zu werden. Also sollte man zusehen, diese schlechten Angewohnheiten gar nicht erst aufzubauen. Als er mit Kyudo begann, vor dem 2. Weltkrieg, gab es keine Gomuyumi und die Anfänger schossen sofort mit Bambusbögen.
Danach zeigte Uami-sensei uns einige Übungen, die man mit dem Gomuyumi durchführen kann, um gute Gewohnheiten aufzubauen...

Zusammengefasst ist meines Erachtens der Gomuyumi ein Trainingswerkzeug für fortgeschrittene Schützen, aber auch ein Gerät zum Muskeltraining und Muskelaufbau, aber kein geeignetes Gerät zur Ausbildung von Anfängern solange es allein, ohne die gleichzeitige Ausbildung am japanischen Langbogen, benutzt wird. Zur gelegentlichen Veranschaulichung von Bewegungsabläufen kann es manchmal nützlich sein, das sollte aber die Ausnahme darstellen.



Quellen:
http://kousakagomu.la.coocan.jp/index.html

https://karamatsu.wordpress.com/2014/04/23/kyudo-notebook-nagoya-2014-3-muscles/





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